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Mit superleichten Schuhen

durch die Slums dieser Welt

laufen

 

über seine staubigen,

matschigen Pfade voller Menschen,

 

bis es dunkel wird

und im Kühlschrank

kein Bier mehr ist,

 

während die Butter,

tätowiert wie ein Schwer-

gewichtsboxer,

 

auf ihrer Metallbahre

eingedöst ist

 

 

 

 

Die verrückte Nudel

singt den ganzen Tag

immer dasselbe Lied,

 

und sie trillert rot gekehlt

mit den Backpfeifen

und Backblechen,

 

sie stolpert über

erfundene Kontinente,

über unsichtbare Eilmeldungen,

 

sie unterschreibt immer anders,

sie vergisst ihr Geburtsdatum

oder behauptet, sie sei schon

hundertmal geboren,

 

sie überquert den Äquator

bei jedem Klingelton,

sie putzt sich auf sternenklaren

Messerspitzen,

 

sie verletzt sich an Körperteilen,

die nicht existieren oder

die sonst niemand hat,

 

sie verdaut wie ein ungeschickter

Sprung über eine Hecke,

sie scheißt fürchterlich stinkende

Noten von Schlagerrefrains,

 

sie pinkelt Tangenten auf Klobrillen,

jenseits aller Schwerkraft

und höheren Mathematik,

 

sie verliebt sich immer wieder

unglücklich in die selbe Verkehrsampel

in Bamako,

 

sie bereitet den Militärs

in aller Welt Sorgen,

wenn sie Wolken ausschüttelt

wie Fr. Holle Kissen.

 

Es ist die verrückte Nudel,

die aus jedem Kochtopf springt,

die einfach nicht gar werden will

 

Gerne möchte man sie

mit ihren Kumpels schnell verzehren,

damit der Unsinn endlich aufhört.

 

​

​

​

Einfach da liegen.

 

Mich verwöhnen lassen

von Messwerten Verliebter

in aller Welt.

 

Blickkontakt

mit den Zahlen aufnehmen,

sie bitten, an der und der Stelle

 

noch fester zu drücken,

noch leidenschaftlicher

zu küssen.

 

 

 

 

 

Stilleben eines Koffer-

raums am Morgen

 

Drei Stockschirme

eng aneinander,

 

Erste Hilfe Set

rot kinderhandgroß,

 

Enteiser Spraydose,

schräg angelehnt,

 

kleine Ledertasche

Inhalt verborgen.

 

Verborgen auch

mein Traum letzte Nacht

 

Spielmann Nebel,

nicht mal Pappkulissen.

 

 

 

 

Der Staubsauger Beutel

auf der Terrasse,

 

seit zehn Tagen

Wind und Wetter ausgesetzt.

 

Es hatte das Geräusch

eines eingesaugten Ringes

gegeben.

 

Jemand müsste ihn suchen

in seinem Staubversteck.

 

Keiner hat Lust dazu.

 

So landet der Beutel

irgendwann im Keller.

 

In seiner Öffnung könnte

dieses Gedicht stecken.

 

 

 

1

 

Ich hätte die Einkaufsliste

vom Februar 2022

nicht wegschmeißen sollen.

 

Mönche hätten sie

immer wieder abgeschrieben

um sie vor dem Vergessen

zu bewahren.

 

Irgendwann im 15. Jahrhundert

wäre sie in einem Kloster

entdeckt worden.

 

Sie wäre historisch

nicht zuzuordnen gewesen.

 

2

 

Ich hätte die Einkaufsliste

vom Februar 2022

nicht wegschmeißen sollen.

 

Automatische Scanner

hätten sie durch die Jahrhunderte

immer wieder kopiert und registriert.

 

Durch einen technischen Fehler

wäre sie in einer weiten Zukunft

verloren gegangen, verloren in der Zeit.

 

 

 

 

Stehen bleiben.

Die Wolken betrachten.

 

Man ist noch nicht

verrückt geworden,

die Wolken reißen einen

nicht mit sich fort.

 

Sie zwingen einen auch nicht,

mit vorgehaltener Waffe

Wolken zu werden wie sie.

 

Sie saugen einem nicht das Blut aus,

um es auf Häuser von Weltuntergangssekten

regnen zu lassen.

 

Die Welt ist ansonsten

auch nicht Papier geworden,

 

Denn falten kann ich

mich weiterhin nicht.

 

Darüber bin ich sehr froh.

 

Und wenn ich es doch könnte?

 

Schon immer wollte ich

ein Papierflugzeug sein,

das ein Kind gefaltet hätte.

 

In diesem Augenblick

würde es mich zum ersten Mal

in die Luft werfen.

 

 

 

 

Wenn Männer

eher beiläufig pfeifen

 

an irgendwelchen Wegbiegungen,

 

oder auf ihren Grundstücken,

eine Schraube in ein dunkles

Loch drehend.

 

Sie wirken verloren

wie Blätter auf einem trüben Teich

 

wie Entführte in Kellerlöchern,

deren Lösegeldsumme noch nicht

ausgehandelt ist.

 

Wenn Sie doch aufhören würden

mit dem Pfeifen!

 

Der Tag könnte so schön sein

ohne ihre Keller- und Bohrloch

Melodien!

 

 

 

Überall werden wir gekränkt

von Galaxienhaufen und Primzahlen,

von Schach und Go Computern.

 

Egal wie das Wetter ist

und wie wir in der Nacht

geschlafen haben.

 

Heute ist ein guter Tag,

die Zähne sind geputzt,

die Sonne scheint.

 

Heute hat

noch kein Weltall mir

den Stinkefinger gezeigt.

 

Es ist bisher

nur ein Bücherstapel umgefallen,

 

alle anderen Schränke und Regale

scheinen gut für den Tag

gerüstet zu sein.

 

 

 

 

Tag der offenen Tür

im Rathaus einer Kleinstadt

 

Wie viel wiegt

die Amtskette unseres Bürgermeisters?

 

Seit wann ist unsere Standesbeamtin

glücklich verheiratet?

 

Welche Farbe hat der Wassertrog

für unsere tierischen BesucherInnen?

 

Welchen gefundenen Geldschein

muss man nicht im Fundbüro abgeben?

 

Am liebsten als

plötzlicher Windzug

Türen und Fenster zuschlagen,

 

am liebsten Staubproben nehmen,

sie in anderen Rathäusern

an Tagen der offenen Tür

wieder aussetzen,

 

am liebsten Besuchersounds

in einem Sack sammeln,

zu einem Wald fahren,

sie dort am Abend den Vögeln

vorspielen.

 

 

 

 

Sommerabendübung

 

Sich am Abend

im Abstand von ca. 2-3 Metern

vor einen großflächigen Spiegel

setzen.

 

In einen Raum

mit großen Fenstern

und großzügigem Licht.

 

Darauf achten,

dass mit dem Vergehen der Sonne

keine Straßenlaternen

oder sonstige Lichtquellen

die Dunkelheit stören.

 

Sich vor den Spiegel setzen.

Das Tageslicht ausfließen lassen.

Bis das eigene Spiegelbild

immer undeutlicher, immer vager,

immer schillernder wird.

 

Hinschauen bis das letzte Licht

erloschen ist.

 

Schweigen.

Nichts tun.

Nur hinschauen.

 

Den Gedanken, die kommen,

nachgehen beim Betrachten

des Spiegelbildes und der

sich entwickelnden Dunkelheit.

 

Wenn Müdigkeit kommt,

die Augen schließen.

Einschlafen.

 

 

 

 

Wenn alle Türklingen der Welt

auf einmal runter gedrückt würden,

 

öffnete sich vielleicht eine große Tür.

 

Zu sehen wären Enten,

die auf einem sehr langsamen

Fluss schwimmen.

 

Der Weg hätte begonnen

hin zu einer anderen Welt,

 

wo Haarschnitte und Autoschlüssel

bedeutungslos wären.

 

Eine vielleicht freundlichere Welt

als Polizist zu sein im ersten

Ausbildungsjahr.

 

Auch der Abend

wäre hoffentlich freundlicher,

das Zelt noch nicht von seltsamen

Reitern geliefert worden.

 

Später könnte guter Schlaf

gezapft werden wie ein Pils

auf einer guten Party.

 

Wenn doch alles

so harmlos ausgehen würde,

 

wenn man instinktiv

wie ein Drogenhund bei einer

Verkehrskontrolle genau wüsste,

was als Nächstes kommt.

 

 

 

In den Tod wachsen

 

als Setzling,

als Hosenscheißer.

 

In den Tod wachsen

 

als Wolke,

als Hemd auf einer Wäscheleine.

 

In den Tod wachsen

 

als Saharastaub,

als kurzer Gedanke.

 

In den Tod wachsen

 

als hingekritzelte Notiz,

als Kratzen unter den Achseln.

 

In den Tod wachsen

 

als Blick zum Himmel,

als Pinkeln in ein Pissoir.

 

 

 

Der Selbstmordattentäter

 

Vielleicht

durch einen göttlichen Irrtum

hat der Selbstmordattentäter

nicht nur die Gruppe

von Polizisten in die Luft gesprengt,

sondern auch die Jungfrauen,

die im Himmel auf ihn warteten.

 

Was für ein Massaker

auf der Erde und im Himmel!

 

 

Sich verfangen

in einem inneren Bild.

 

einem Baumwolllaken

in einer stümperhaft

gezeichneten Landschaft.

 

Etwas Starkes

saugt einen bis zum Horizont.

 

Dort wird man

von etwas Zartem gebadet

und wieder fest in das Laken

gewickelt.

 

Ein anderes inneres Bild

mit dürren Beinchen, unausgeschlafen,

übernimmt die Bewachung.

 

 

 

 

Das Summen

der Vögel in einer Hecke,

es müssen sehr viele sein.

 

Ein Summen wie eine Oberleitung,

die Tausende von Häusern

mit Strom beliefert.

 

Ein Summen, aufgeregt verletzlich,

wo Leben gerettet verloren wird.

 

Wie alt muss man sein,

um zu wissen, dass es Vögel sind,

die solch ein Summen erzeugen

 

und keine Blätter an den Ästen,

keine Wolken am Himmel,

kein Orchester aus Synthesizern.

 

 

 

 

 

Schulferien

 

Meine Kinder haben es sich

vor dem Terrassenfenster

gemütlich gemacht.

 

Sie haben sich Betten

aus Stühlen und Decken gebaut,

sitzen einfach da, schauen hinaus.

 

So geht das schon drei Tage.

 

Den Himmel haben sie

in eine linke und eine rechte Seite

aufgeteilt und zählen,

auf welcher Seite mehr Vögel

vorbeifliegen.

 

Es werden auch Vögel mitgezählt,

die vielleicht vorbeigeflogen sind.

 

Manchmal bekommen sie

deswegen lauten Streit.

 

"Das war kein Vogel,

du schummelst"

 

"Doch, das war ein Vogel!"

 

Langsam wird es dunkel,

die Vögel zeigen sich kaum noch

und dann nicht mehr,

 

haben sich schlafen gelegt

da draußen auf beiden

Himmelshälften.

 

 

 

 

Du hast

viele Blätter Papier zerrissen,

auf meinem Bett zu einem

Schnipsel Haufen aufgetürmt,

 

so wütend warst du auf mich!

 

Ich finde ihn

ein paar Stunden später,

er ist noch glühend heiß.

 

Ich mache ein Foto davon

als Erinnerung an unseren

Streit.

 

Die Schnipsel fliegen

morgen in den warmen Süden,

wenn sie zurückkehren,

bist du schon 11.

 

Sie machen

eine Abenteuerreise

als Papiermüll Asche

über die Weltmeere.

 

Sie lassen sich

ausbilden als Streitschlichter,

spezialisiert auf Vater - Tochter

Beziehungen.

 

Einen davon würde ich

in der Hausapotheke aufbewahren

und schnell rausholen,

wenn er wieder gebraucht wird.

 

 

 

 

Was kümmert mich

mein Atem von gestern?

 

Wo ist er hin?

 

Auf welchen Gleisen

stehen seine Atemzüge,

 

träumen vielleicht davon,

auf Modelleisenbahnen

mitfahren zu dürfen.

 

Immer neue Waggons

kommen hinzu,

jede Sekunde, jede Minute.

 

Nur die wenigsten schaffen es,

länger in Form zu bleiben.

 

So geht es auch den Gleisen,

Fitness Studios stehen nicht

zur Verfügung.

 

Nicht alle wollen

singen und tanzen,

feiern ihr kurzes Dasein.

 

Manche schweben

teilnahmslos in der Gegend herum,

bevor sie sich fortschleichen

 

oder zerplatzen wie Blasen

auf Bahnhöfen und Dialysegeräten.

 

 

 

 

Ein Rasenmäher,

der wie Vögel zwitschern kann -

Ingenieure arbeiten daran

 

Algorithmen erfinden

beim Liebesspiel -

Liebende arbeiten daran

 

(hoffentlich nicht alle!)

 

 

 

 

Große Sanduhren

 

Wenn es Mode wird

wegen des Memento

Mori Effekts,

 

Sanduhren im Garten

oder sonst wo aufzustellen.

 

Sanduhren

für Stunden und Tage,

Monate, selbst Jahre.

 

Die Großen müssen

von Kränen hingestellt

und regelmäßig umgedreht

werden.

 

Große Sanduhren?

Ich finde, sie sind eine Plage!

Ich werd mir keine kaufen!

 

 

 

 

Eines Morgens

 

Eine Amsel

am Wegrand bitten,

 

mit mir zu den düstersten

Orten der Welt zu fliegen,

 

den gewalttätigsten,

den unmenschlichsten,

den gnadenlosesten

Orten der Welt.

 

Der Amsel

ein Zeichen geben,

 

für einen Moment

dort Inne zu halten,

 

einfach da zu sitzen

auf Ästen, Mülltonnen,

Autos, Fensterbänken,

 

um dann wieder

zurück zufliegen

 

zu den behütetesten

Orten der Welt.

 

 

 

Jeder will seinen eigenen

Sonnenaufgang und -untergang,

 

seine eigenen Liebesgeschichten,

die gut oder schlecht verlaufen.

 

Jeder lebt mit seinem

eigenen Schlaf,

 

seinem eigenen Grübeln

und Lachen.

 

Spazieren gehen

in einem Park,

 

in dem all das Eigene

unter Sträuchern und Bäumen

wächst.

 

Kinder spielen Fußball

auf einer Wiese,

 

junge Mütter schieben

schlafende Säuglinge

über die Wege.

 

Jeder hat seinen

eigenen Atem,

 

sein eigenes Herz,

das schlägt und schlägt,

 

seinen eigenen Shit.

 

Den und das meiste andere

möchte man gewiss

mit Niemand teilen.

 

 

 

Kleines rosa Plastikherz,

das ich auf dem Boden finde.

 

Was weißt du von der Liebe?

Wann war dein erstes Mal?

 

Vielleicht war es ja so:

 

In einem Plastikbeutel

in einem Verkaufsregal,

 

hast du es mit hundert

anderen rosa Herzen

Tag und Nacht getrieben.

 

Kleines rosa Plastikherz,

meine Phantasie geht

mal wieder mit mir durch.

 

Jetzt liegst du da am Boden,

wartest nur noch auf die

Müllabfuhr.

 

Weißt du was?

Ich nehm dich mit

zu mir nach Hause.

 

Du kannst dich dort auf die Couch

oder in eine Fluxus Schachtel legen.

 

Mir ist egal,

ob du Schlaf brauchst

oder überhaupt menschliche Dinge

empfindest.

 

Gib mir nur ein Zeichen,

wenn dein letzter

Atemzug gekommen ist.

 

Ich weiß noch nicht,

wo ich dich dann hintue.

​

​

​

    © 2025 Fred Darimont 

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