In der Kräutersauna
Er tut so, als würde er
über Kierkegaard nachdenken.
Und sie scheint sich gerade
mit der Klimakrise auseinanderzusetzen.
Alle, die hier eintreten,
bekommen nach ein paar Minuten
diesen Denkerblick,
als wären sie an Etwas dran,
das weit über eine Revolutionierung
von Kräutergärten hinausgeht.
Was will mir der LKW sagen,
der gerade vorbeigerauscht ist?
Will er mir
eine Geschichte erzählen?
Eine von den vielen
LKW- Vorbei-Rausch-Geschichten?
Will er mich zu etwas bekehren?
Will er mich vor etwas warnen?
Oder will er nur
ein wenig mit mir plaudern?
Wünscht sich, dass ich ihm zuhöre.
Andere fahrende Geschichtenerzähler
stehen schon Schlange,
mir ihre Sounds anzuvertrauen.
Wenn die Schmerzen kommen
an einem warmen Septemberabend.
Leise fliegen sie heran
wie Eulen in der Nacht.
Manchmal sind sie hungrig,
müssen sich erstmal satt essen.
Manchmal fliegen sie nur
ziel- und gedankenlos herum.
Manchmal suchen sie Obdach
nach einer langen Reise.
Man spürt ihre Erschöpfung,
ihren erwartungsvollen Blick.
Man möchte sie hereinbitten,
ihnen ein Bett für die Nacht anbieten,
wenn sie nicht die Schmerzen wären.
Ein Tankstellenabend
in der Weihnachtszeit.
Wie mich plötzlich
ein Wohlgefühl umhüllt.
Sind es die rauf ratternden
Zahlen auf der Tanksäule?
Ist es die Werbung
für einen Coffee-to-go?
Ist es der dunkle Himmel
über dem Kassenlicht?
Ich weiß es nicht.
Gehe zahlen, fahre weiter.
Wenn ich vor kurzem überfallen
und schwer verletzt worden wäre,
würde ich vermutlich andere Gedichte
schreiben.
Wenn mir gerade ein sehr lieber Mensch
gestorben wäre,
würde ich vermutlich andere Gedichte
schreiben.
Wenn ich mich länger schon
zum Meditieren an einen abgelegenen Ort
zurückgezogen hätte,
würde ich vermutlich andere Gedichte
schreiben.
Wenn ich schon länger alleine
in einer Junggesellenwohnung lebte,
würde ich vermutlich andere Gedichte
schreiben.
Wenn ich meine Arbeit verloren
und aus meiner Wohnung
raus geflogen wäre,
würde ich vermutlich andere Gedichte
schreiben.
Wenn ich zwangsweise als Soldat
für einen grausamen Krieg rekrutiert
worden wäre,
würde ich vermutlich andere Gedichte
schreiben.
Wenn mir das Leben täglich
den Boden meines Verstand wegzöge,
würde ich vermutlich andere Gedichte
schreiben.
Wenn meine Eltern nicht gut zu mir
gewesen wären,
würde ich vermutlich andere Gedichte
schreiben.
Wenn ich nicht das Privileg gehabt hätte,
lesen und schreiben zu lernen
würde ich vermutlich keine Gedichte
schreiben.
So wunderbar geborgen
bei dieser Warterei
an einer Ampel morgens,
heut geht mir nichts entzwei.
Die Welt will zu mir halten,
bis grün es wieder wird,
danach ist alles offen:
so wunderbar geborgen,
so unheilvoll verbogen.
da können wir nur hoffen!
Variationen
vor und nach einer Darmspiegelung
1
Jetzt denken Sie mal
an etwas Schönes...
2
Wie wars?
3
Es ging total schnell, Herr Doktor.
Ich weiß gar nicht, warum Michael Jackson
das Betäubungsmedikament so toll fand.
Das Medikament haben Sie toll gefunden?
Nein, Michael Jackson fand es toll.
4
Es war genau so, Herr Doktor
wie sie prophezeit hatten:
Ich bin aufgewacht,
mit Luft vollgepumpt
wie eine Kinderhüpfburg.
5
Es war sehr schwer bei Ihnen,
um die Kurven zu kommen.
6
Ich habe eins zwei drei
kleine Polypen gesehen,
die nicht böse ausschauen.
Hab ich Ihnen raus gemacht.
7
Außerdem habe ich
eine kleine braune Pforte entdeckt.
Sehr gut getarnt.
Es könnte sich um die,
in der Literatur beschriebene,
Schnittstelle zum Überirdischen
handeln.
8
Juckt's, brenn's, blutet es
bei Ihnen immer mal wieder?
Sie haben eine relativ große Analfissur.
Geht direkt zur Po Falte hoch
und weiter bis zur Hölle.
9
Sie können jetzt
wieder essen und trinken
wonach Ihnen der Sinn steht.
10
Die Damen machen
die Nadel noch raus
und kommen Sie
die nächsten drei Jahre
bitte nicht wieder.
Kika I
1
Die Bösen und die Guten
mit ihren bösen und guten Stimmen,
Die Bösen und die Guten
mit ihren bösen und guten Schlachten,
Die Bösen und die Guten
mit ihren bösen und guten Gesängen.
Die Bösen und die Guten
mit ihren bösen und guten Plänen
Die Bösen und die Guten
mit ihrem bösen und guten Lachen.
2
Die Schmerzen der Bösen und der Guten.
Das tiefe Fallen der Bösen und der Guten.
Das Atmen der Bösen und der Guten.
Die Ängste der Bösen und der Guten.
Die Erschöpfung der Bösen und der Guten.
3
Die Bösen und die Guten müssen nie pissen.
Die Bösen und die Guten waschen sich nie.
Die Bösen und die Guten gehen nie wählen.
Die Bösen und die Guten sind nie dement.
Die Bösen und die Guten heben nie Geld ab.
4
Die Bösen steigen in eine Dose
und werden Teufelsravioli.
die Guten klettern in ein Mäuseloch
und kommen als Pinguine heraus.
Die Bösen pflücken Buchstaben
und verkaufen sie als Trostsprüche.
die Guten trinken die überreifen
gegorenen Früchte ihrer Taten.
Die Bösen fressen einen Alptraum
in einem schlimmen Keller.
Heimat I
Ihr Heimat Dosen:
ich stelle euch auf
und bewerfe euch
mit Lügenbällen.
Ihr Heimat Drüsen:
ich presse euren
giftigen Saft aus
mit den beiden
Super- Lügen - Daumen.
Ihr Heimat Körper:
ich lasse euch frieren
mit dem Lügenschal
und dem Lügenpullover..
Ihr Heimat Seufzer:
ich fange euch alle ein
mit dem Audio - Lügen - Sauger.
Ihr Heimat Erinnerer:
ich lecke eure Worte auf
mit der vertrockneten Lügenzunge.
Ihr Heimat Landschaften:
Ich besinge eure Kirchen,
Heuschober und Sommer
mit den Lügen - Knaben - Chören.
Ihr Heimat Kindheiten:
ich trockne eure feucht
werdenden Augen
mit dem Lügentaschentuch.
Ihr Heimat Verschweiger:
ich drücke eure Zwangsarbeiter
und Deportierten als Lügentorten
in eure Gesichter.
Heimat II
In Gollumhausen ist es am Schönsten.
Am Schönsten ist es in Wanderscheid.
In Hullersdorf ist es am Schönsten.
Am Schönsten ist es in Ganzenweiler.
In Mauthausen ist es am Schönsten.
Am Schönsten ist es in Kiel Holtmusen.
In Schwandertal ist es am Schönsten.
Am Schönsten ist es in Heidrichswald
In Funkenhein ist es am Schönsten.
Am Schönsten ist es in Hindenburgen.
In Schwalbenried ist es am Schönsten.
Am Schönsten ist es in München Adolfswanne.
In Halle Sterner ist es am Schönsten.
Am Schönsten ist es in Waterberg
In Schmalenhausen ist es an Schönsten.
Eine Polizeimütze
Eine Polizeimütze wäre so gerne eine Bischofsmütze.
Dann müsste sie nicht mehr Demonstranten in Kirchen
treiben, nur weil sie so gerne Weihrauch riecht.
Sie könnte ständig Weihrauch und andere katholische
Leckereien riechen, schmecken, tasten und hören.
Leider ist nie etwas daraus geworden. Sie ist mittlerweile
eine in die Jahre gekommene Polizeimütze.
Eines Tages trifft sie eine Bischofsmütze und verliebt sich
sogleich in sie. Es ist vielleicht der leichte Weihrauchgeruch,
es ist vielleicht der leichte Tränengasgeruch, der die beiden
so verrückt aufeinander macht.
Eine Polizeimütze und eine Bischofsmütze fallen wieder
und wieder übereinander her, reiben und vergießen sich
in ihre vielen Körperöffnungen und Rundungen.
Auch wenn es unglaublich klingt: wer glaubt, Mützen könnten
nicht küssen, könnten nicht Händchen halten, der täuscht sich
gewaltig.
Niemand hat derartig viele Münder und Hände wie sie,
die nun betend, prügelnd, faltend, brüllend, segnend,
verhaftend,
mit Kelchen, mit Megaphonen in den Händen
sich verlierend, vergessend.
1
Wenn Worte
sich in Dinge verwandeln.
Wenn aus einem "Ja"
ein Knochen wird,
aus dem nächsten "Ja"
eine Tanksäule,
aus einem "Nein"
ein "Schlüsselloch",
aus dem nächsten "Nein"
ein Rasenmäher.
2
Wenn aus Dingen,
Laute werden,
aus einer Briefmarke
ein Türen Quietschen,
aus einer Lampe
ein Zahnarztbohren,
aus einer Stoffmaus
ein prasselnder Regen,
aus einem Schreibtisch
ein Hilfeschrei.
3
Wie schnell sich Laute
in Dinge verwandeln,
und Dinge in Laute.
In Millisekunden
verändern sie ihre Form,
vom Ding zum Laut
und umgekehrt.
4
Unzählbar viele
Laute und Dinge,
und wir Menschen
mittendrin.