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"Danke"

 

Man könnte sich in die Stimme

der jungen Bäckerin verlieben,

auch in ihre Geduld mit den

verschrobenen, umständlichen,

manchmal auch schwerhörigen Kunden.

 

Sie nimmt sogar das elende

Kleingeld mit freundlicher Miene

wie Goldmünzen in einer Schatztruhe

an.

 

Da habe ich zum ersten Mal

die Augen verdreht.

 

Auf einmal stehen 6 Kunden im Laden,

jetzt heißt es "Ruhe bewahren",

das muss man ihr nicht sagen.

 

Wo hat sie dieses "Danke"

aussprechen gelernt,

in ihrer Familie, ihrer Ausbildung

aus ihrem Wesen heraus?

 

Wie wird dieses "Danke" klingen

in zehn, in zwanzig Jahren?

 

Ich wünschte ich wäre dabei,

könnte es jetzt hören,

aus der Zukunft hierher gesprochen

oder ich benutzte einen Kurzzeitjet

nach Danke 10 bzw. Danke 20

wie ein Schnellboot nach Sansibar.

 

Wieder zurückgekehrt,

lasse ich es mir auf den

Ohren zergehen,

wie sie "100% Roggenmehl

mit Gewürzen" ausspricht.

 

Zwischenzeitlich ist ein Weizenglas

von einem Kunden zerbrochen worden.

 

Ich will hoffen,

dass es nichts mit meiner

kleinen Zeitreise zu tun hat.

 

 

 

 

So viele Ausgaben

 

Wenn man so bescheiden

leben könnte wie die Bäume,

wie der Fuchs,

 

wenn man nur Wasser,

Sonne und Aas bräuchte.

 

Man gehörte einem

Waldpolizei Dezernat an,

ohne Uniform und Bewaffnung.

 

Man hätte sich

in einem Wald so verwurzelt,

dass man sich nicht mal mehr

die Beine vertreten könnte.

 

Man bewegte sich im Wind

simultan mit anderen Artgenossen.

 

So viele Ausgaben,

die hunderttausend Bäume

und Füchse im Leben nicht

zusammen fressen, - schunkeln

und ausschlürfen können.

 

Ich gehe

in meinem Wald, in meinem Fuchs,

in meinen Ausgaben spazieren,

 

treffe auf ein paar Wanderer,

die mir schlechte Witze

mit pickeligen Himmeln

teuer andrehen wollen.

 

 

​

 

Ein Gedicht, das man

in der Hand halten kann

wie ein paar Glasmurmeln,

die man aneinander reibt,

gegeneinander stößt.

 

Man spürt die Kühle

ihrer runden Oberflächen.

 

Man sitzt vielleicht

irgendwo auf einer Bank

in einem Park,

 

Menschen gehen vorbei,

Äste von Bäumen bewegen sich,

Kinder bewerfen sich mit Sand,

bis Eltern eingreifen,

 

Lippen von Liebenden

reißen sich los,

flattern küssend davon,

verfangen sich irgendwo

im Gebüsch.

 

Wie ich sie berühre,

wie sie mich berühren -

die Murmeln in der Hand,

während ich all das hier beobachte.

 

 

​

 

Das Hohe Lied der Liebe

 

Und wenn ich 1000 Ohren hätte

und könnte hören die Hilfeschreie

aller Käfer auf den Wiesen

der Welt

 

und hätte die Liebe nicht,

so wäre mir´s nichts nütze.

 

Und wenn ich allen 3000 Göttern,

die die Menschen anbeten,

eine Kerze anzündete

 

und hätte die Liebe nicht,

so wäre mir´s nichts nütze.

 

Und wenn ich an allen

Unfallschwerpunkten von Autobahnen

mein Leben in Zelten hinter

Gebüschen verbringen würde,

um Verletzten als erster zu helfen

 

und hätte die Liebe nicht,

so wäre mir´s nichts nütze.

 

Und wenn ich alle Bibeln und Korane

aus eingestürzten Erdbebenhäusern

bergen und restaurieren würde

 

und hätte die Liebe nicht,

so wäre mir´s nichts nütze.

 

Und wenn ich jedem Traurigen

und Depressiven auf der Welt

einen Witz erzählen könnte,

der sie alle zum Lachen bringt,

 

und hätte die Liebe nicht,

so wäre mir´s nichts nütze.

 

Und wenn ich jeden Bettler,

jeden Polizisten umarmen würde,

bis man mich halbtot geprügelt hätte,

 

und hätte die Liebe nicht,

so wäre mir´s nichts nütze.

 

Und wenn ich jeden Tag

in meine Suppe ein heiliges Buch

häckseln und verspeisen würde

 

und hätte die Liebe nicht,

so wäre mir´s nichts nütze.

 

Und wenn ich heimlich jeden Tag

3 Gebetswünsche von Gläubigen

erfüllen würde

 

und hätte die Liebe nicht,

so wäre mir´s nichts nütze.

 

Und wenn ich mich kleinmachen

und in jedes Mauseloch gehen könnte,

um mit den Mäusen Erste Hilfe Kurse

zu veranstalten

 

und hätte die Liebe nicht,

so wäre mir´s nichts nütze.

 

​

​

 

An einer belebten Straße

stehen bleiben.

 

Menschen,

die in verschiedenen Winkeln

an mir vorbeigehen.

 

Ein Mann scheint besorgt zu sein

wegen etwas,von dem ich

nichts weiß (190 Grad).

 

Eine Frau geht leichtfüßig vorbei,

ihre Gedanken wie Bälle jonglierend

(170 Grad).

 

Einer geht lässig (195 Grad)

der andere voller Schwere (200 Grad)

über das Leben oder etwas anderes,

 

vielleicht wegen eines Fehlkaufs,

oder einer Krankheitsdiagnose,

die diesmal ernst klingt.

 

Woher ich die Winkel so genau kenne?

Ich habe mir ein Sorgen - Geodreieck

im Maßstab 1:10 gebaut.

 

Damit kann ich bei den

vorbeigehenden Sorgenträgern

die Winkel recht genau messen.

 

Manche allerdings

bleiben plötzlich stehen,

kramen in ihren Taschen

oder telefonieren.

 

Solche Leute

erschweren die Messarbeiten.

Ich muss sie dann bitten,

ihre unterbrochenen Weg - Geraden

bitte wieder aufzunehmen.

 

Jedes Mal bildet sich leider schnell

eine schaulustige Menschenmenge.

die mich für einen Clown hält,

der ihre Sorgen für kurze Zeit

gegen ein paar Münzen vertreiben will.

 

Wenn alle stehen bleiben,

gibt es nichts mehr zu messen.

Ich klappe dann mein Geodreieck ein,

 

und suche mir,

eigene Sorgenwinkel bildend,

einen anderen Messort in der Stadt.

 

 

​

 

Über eine Landstraße bei Nacht fahren.

 

Ein fiktives Wesen,

eine Mischung aus Wildkerze

und blauer Butter

 

überquert plötzlich die Straße.

Ich bremse scharf.

 

Ein Wesen, so schön,

ich hätte es fast überfahren.

 

Ich steige aus dem Auto,

versuche es zu mir zu locken.

 

Es nähert sich vorsichtig.

 

Ich weiß, es ernährt sich von

weißen Regenbogen Bohnen.

Ich habe - Gott sei Dank -

eine Tüte davon im Auto.

 

Es frisst restlos alle Bohnen auf,

verschwindet dann im Gebüsch.

 

Ich hätte es nicht streicheln sollen,

jetzt sind meine Hände ganz fettig

 

und eine Kerze

brennt auf meinem Kopf,

die sich nicht ausblasen lässt.

 

 

​

Rätsel Mensch I

 

dass wir uns

wiederfinden

 

in einem

kreuzworträtsel

 

mit sechs

buchstaben

 

das rätsel

mensch

 

das wir sind

​

​

​

​

Rätsel Mensch II

 

Rätsel Mensch,

besoffen nach Hause torkeln,

 

Rätsel Mensch,

in die Scheiße greifen

beim Arsch Abputzen

 

Rätsel Mensch,

das Hemd bekleckern

beim Frühstücken,

 

Rätsel Mensch,

Schlüssel suchen

in allen Taschen,

 

Rätsel Mensch,

in der Nase bohren

in billigen und teuren Autos,

 

Rätsel Mensch,

fluchen bei jeder Gelegenheit,

 

Rätsel Mensch,

jeden Dreckhaufen vergöttern

und anbeten,

 

Rätsel Mensch,

die Fingernägel blutig kauen,

 

Rätsel Mensch,

mit 5 Nasen und 10 Ohren

wäre er nicht rätselhafter.

 

 

 

​

Die schrill verzerrte Stimme,

als sie von dem Geldgewinn

im Radio erfährt

 

an einem Morgen,

an dem der Nebel örtlich

besonders tief hängt.

 

Der Radiosprecher hatte zuvor

eine kurze Sprechpause gemacht

 

wie es wohl auch Polizeipsychologen tun,

die an Haustüren schreckliche Nachrichten

mitzuteilen haben.

​

​

​

 

Wie ein Taschenspieler

hole ich Worte aus meinen Beuteln,

Dosen, Schachteln, Schubladen,

ja auch ein Zylinder ist darunter.

 

Die Buchstaben

müssen sich gut festhalten,

wenn ich die Worte in die Luft werfe.

 

Manche kommen

erst Monate später zurück,

regnen unerwartet an Abenden

herunter als tiefgekühlter brainshit.

 

Manche werden von Engeln

so obsessiv geleckt,

bis sie ein a nicht mehr von einer

Hundeleine unterscheiden können.

 

Manche kommen als Vogelstimmen

und Bremsgeräusche zurück.

 

Das alles geschieht,

während gerade ein Planet verglüht

irgendwo im All

und der Bartgeier kein Blei

mehr essen darf,

damit es weitergeht:

 

das Leben...

​

​

Das alte Paar

in einem Nordsee Restaurant:

 

Dieses gemeinsame Mittagessen

an einem Zweiertisch

kann ihnen kein Herzinfarkt,

kein Tod und Teufel mehr nehmen.

 

Beim Essen

haben sie geschwiegen.

Jetzt reden sie wieder

über dies und das,

was noch zu erledigen,

solange man rüstig

und bei Verstand ist.

 

​

 

Ich hab dich

gerade gähnen seh´n

 

es war nur

ein Moment im Vorbeifahren

 

und ich muss zugeben

es war nicht wunderschön.

 

Eine Ewigkeit ist vergangen

große Reiche sind zerfallen

bis ich dich hab gähnen seh´n

 

eine Ewigkeit wird vergehen

große Reiche werden zerfallen

seit ich dich hab gähnen seh´n

 

und ich will ehrlich sein,

es war nicht wunderschön.

​

​

 

Missgeschicke

 

Eine Woche lang

YouTube Videos über Missgeschicke

von Menschen anschauen.

 

Tag und Nacht.

Nur das Nötigste an Schlaf.

Keine Außenkontakte in der Zeit.

 

Nur Clips auswählen,

die nicht länger als

zwanzig Sekunden dauern.

 

Danach eine Woche lang

Videos drehen über bewusst

herbeigeführte eigene Missgeschicke

in Wohnung und Garten.

 

Auf plumpe, auffällige Weise so tun,

als passiere das Missgeschick gerade,

während zufällig eine Videokamera

läuft.

 

Nicht aufhören zu stolpern

und auszurutschen,

zerbrechliche Dinge fallen zu lassen,

Herdplatten nicht auszuschalten

Wasserhähne nicht zuzudrehen.

 

Nach jedem Missgeschick

sich übertrieben die Haare raufen,

fluchen, jammern, zetern,

schimpfen über das Missgeschick,

über die eigene Ungeschicklichkeit.

 

Mit der Kamera fortlaufend filmen,

wie sich im Laufe der Woche

Wohnung und Garten in Orte

der Zerstörung verwandeln

und man selber immer mehr

Blutergüsse, Schnittwunden,

und diverse andere Verletzungen

ansammelt.

 

Wenn bis dahin die Polizei

und Feuerwehr noch nicht

gekommen sind:

eine weitere Woche dranhängen

und sich den zerstörten Dingen

und Verletzungen zuwenden.

 

Dann ist genug Zeit,

den Glasscherben Kosenamen

zu geben,

​

mit den zerstörten Stühlen 

Unterhaltungssendungen anzuschauen,

​

den Schnitt- und Schürfwunden

aus "Pu der Bär" und 

"Über die Natur der Dinge" 

von Lukrez vorzulesen.

​

​

 

Meinen Atemzügen

Namen geben,

eine Stunde lang,

einen Monat, ein Jahr lang.

 

Recht bald werden einem

Namen wie Heinrich,

Hans, Joseph, Magdalena,

Doris oder Franziska ausgehen.

 

Sich danach

fiktive Namen ausdenken,

das können auch Buchstaben-

und Zahlenkombinationen

wie in Passwörtern sein.

 

Kein Atemzug soll

von nun an namenlos

in die Welt gehaucht werden.

 

​

 

Wie oft schon

habe ich im Leben gelacht,

mit anderen, mit mir selber?

 

Tausend mal?

Bestimmt öfter!

 

Zehntausend mal?

Wohl nicht ganz so oft.

 

Doch, ich habe hoffentlich

alle Tage einmal am Tag gelacht,

dann wären es mindestens Zwanzigtausend.

 

Wenn ich als Kleinkind

schon mitgezählt hätte,

meine Eltern hätten

es mir gezeigt:

 

in einem kleinen Block

Striche machen.

 

Wie viele Blöcke

hätte ich jetzt beisammen?

 

Und wie viele könnten

noch dazu kommen,

bevor mir mein Lachen

wie ein schlechter Hühnchen -

Knochen-Witz im Halse stecken bleibt.

 

 

​

Noch zu schreiben

das Wundergedicht,

 

das Menschen dazu bringt,

Kriege abzulehnen,

sich gegen Kriege zu wehren,

Herrschende zum Teufel zu jagen,

die Kriege anzetteln.

 

Wie wäre ein solches Gedicht beschaffen?

Wie würde es sich anfühlen?

Wie müsste es riechen?

Ließe es sich in Handtaschen

mit sich führen?

 

Könnte es fliegen, wie hoch und wohin?

Würde es aussehen wie ein fliegender Teppich,

wie ein zu Boden flatterndes Löschblatt

aus einem Grundschul Schreibheft?

 

Könnte man es essen

oder vielleicht auflösen wie Brause

in einer Flüssigkeit?

 

Könnte man es wie Gras rauchen?

 

Sollte es nicht entschlossen

jeden Widerstand brechen?

Wie viele Demonstranten müssten

dafür durch das Gedicht marschieren

mit unzähligen Slogans und Bannern

aller Couleur?

 

Könnte/wollte man es

umarmen und küssen?

Wie viele Verliebte müssten

Tag und Nacht hindurch spazieren?

 

Nicht zu vergessen:

wie viele Friedenstauben

müssten zuvor das Gedicht überfliegen,

damit es vollkommen mit

Friedenskot bedeckt wäre?

 

Noch zu schreiben

das Wundergedicht...

 

 

​

Wenn ich eine Lichtschranke wäre

im Pissoir einer Autobahn Raststätte,

ich müsste immer gut aufpassen,

wenn der gelbe Strahl nachlässt

und der Pisser mich bald verlässt.

 

Dann würde ich

ganz schnell dafür sorgen,

dass viel Wasser die gelben Pfützen

runter spült.

 

Das Timing wäre das Entscheidende.

 

Was mir aufgefallen ist:

Jeder Mann pisst anders

und denkt wohl auch an andere Dinge.

Manche schauen wie beseelt aus,

ein Lächeln, das ich vorher nur

in buddhistischen Klöstern gesehen habe.

(als ich noch kein Lichtstrahl war).

 

Es ist immer eine Überraschung,

wenn der Reißverschluss runtergeht

und der Strahl dann schnell beginnt.

 

In letzter Zeit fange ich an,

mich in meinem Lichtschranken Job

etwas zu langweilen.

Ich begehe Nachlässigkeiten,

so dass es manchmal auch bei mir so stinkt

wie in den meisten Rastplatz Pissoirs.

 

Ich träume jetzt öfter davon,

ich wäre ein Pferdeschweif

oder ein Scheibenwischer,

der eine Saison lang alle Jahreszeiten

durchleben könnte.

 

​

 

Ich schaue gerne in die Luft,

auch wenn ich nicht Hans heiße.

 

Da sehe ich Dinge wie

Dächer, Decken, graue Himmel,

überhaupt massenhaft Himmel

in allen möglichen Farben

und Formen, heller und dunkler.

 

In guten Stunden kann ich den Wolken

Lieder singen, die allein wir verstehen.

 

Mitunter sehe ich Dinge da oben,

die nur selten vorkommen.

 

Oft weiß ich dann nicht,

ob es meiner Phantasie entspringt

oder ob es tatsächlich am Himmel

turnt oder plantscht oder zuckt

oder pfeift.

 

Ich nenne sie immer:

"meine kleinen UFOs".

 

Oft scheinen sie sich gerade zu lieben,

indem sie aufeinander zufliegen,

nackt, ohne jeden Raumanzug,

ohne jedes Raumfahrzeug,

um sich in neuen Formen zu erproben.

 

Sie sehen vorher aus wie Lutschballons

und danach wie erschöpfte abgekaute

Kaugummis.

 

Ich erfreue mich sehr

an diesen seltenen Glücksmomenten

und bin gerne danach bereit,

für längere Zeit wieder

Decken mit Wellblechdächern

mit und ohne Regen anzuschauen

und anzuhören.

 

Ich habe mich heute entschieden,

das in die Luft schauen

zu meinem Haupterwerb zu machen.

 

Ich habe mich dafür umbenannt:

ab jetzt heiße ich Hans,

auch meine Betreuer sollen

mich von nun an Hans rufen.

 

Der Himmel wird mir das schenken,

was ich zum Leben brauche,

wie er es ja auch den Wiesen

und den Vögeln schenkt.

 

 

​

Das Danke

an die Faschingsgarde

durch den Garde Präsidenten.

 

Es bedanken sich auch

ein Faschingsastronaut,

 

ein Faschingspolizist,

ein Faschingsschmetterling.

 

Polizist und Schmetterling

werden heute Nacht

nicht alleine schlafen gehen,

 

der Astronaut wird sich

noch einen Stern runterholen.

 

​

 

Ab und an findet man

seltsame kleine Gebilde im Haus,

die mal zu irgendwelchen Tuben

und Geräten gehörten,

man weiß nicht mehr welche.

 

Man sammelt sie in Bechern und Schachteln,

weil man das Gegenstück vielleicht

wegschmeißen müsste ohne diese

kleinen Plastik- und Metallscheisser.

 

Vielleicht sind sie auch

auf tragische Weise

voneinander getrennt worden,

dann sollte man mitfühlender

von ihnen sprechen.

 

Es kommt so gut wie nie vor,

dass man diese kleinen Dinge

wieder mit dem unbekannten

größeren Ding zusammenführen kann.

 

So fristen sie ihr Dasein

in einem achtlosen Behälter,

bis sie irgendwann entsorgt werden.

 

Es sind komische Gestalten darunter,

in allen Farben und Formen,

mit Noppen, Ausbuchtungen

und Gewinden.

 

Und vielleicht träumen sie alle

von dem einen Ort,

irgendwo in diesem Universum,

wo sie einst zuhause waren.

​

​

 

Kita 5

 

Wenn der Böse

im Film hämisch lacht

 

und man weiß,

dass ihm das Lachen

bald schon vergehen wird.

 

Was wird mir

bald schon vergehen?

 

 

​

Ein Hund bellt in der Ferne -

in einem Gedicht.

 

Ich schaue

in die Richtung des Bellens -

nicht in einem Gedicht.

 

Und sehe eine Wiese,

darauf ein zweiter Hund -

in einem Gedicht.

 

Der erste Hund explodiert

vor meinen Augen -

nicht in einem Gedicht.

 

Der zweite Hund

zerreißt den Plastikball

von spielenden KIndern -

in einem Gedicht.

 

Ich zerreiße das Gedicht -

nicht in einem Gedicht.

​

​

 

Beim Rasieren

 

Es hört sich manchmal an

wie ein Schaben, ein Kratzen

in irgendeinem verschütteten Loch.

 

Oder doch eher

ein Graben auf eine Bank hin,

um sie auszurauben.

 

Oder doch eher

der Versuch eines ungelenkigen Riesen,

sich am Rücken zu kratzen.

 

Oder doch eher

ein schabendes Singen

aus Kehlen von Kreaturen,

die aussehen wie Seifenspender,

wie Sektkorken.

 

Dabei kann ich

viel mehr Geräusche erzeugen

als das "Ploppen" eines Sektkorkens.

Ich hätte ein Schab- und Kratzvolumen,

einen Melodienreichtum wie eine Nachtigall,

die auf einem Synthesizer spielt.

 

Gerade gäbe ich ein Konzert

mit ihr vor tausenden Zuschauern

 

und stünde nicht alleine

morgens vor meinem Spiegel,

noch so müde.

 

​

 

Wenn ich 10.000 Uhren zerfledderte:

 

die Zeit würde es nicht jucken.

 

Und wenn ich Opium nähme,

im Rausch hundert Jahre lang

lebte:

 

der Zeit wäre es scheiß egal.

 

Und wenn ich einen Superhackerangriff

auf alle Computer der Welt erfolgreich

durchführte:

 

die Zeit würde sich nicht mal

im Schlaf umdrehen.

 

Und wenn ich mir eine Kugel

in den Kopf schösse:

 

die Zeit würde nicht mal hinschauen.

 

Und wenn ich nicht mehr aufstünde,

nicht mal mehr zum Trinken und Pinkeln:

 

die Zeit würde weiterhin jede Sekunde

ihre Ziffern turnen.

 

Und wenn ich mich in einer Schublade

versteckte:

 

Die Zeit würde mich immer finden,

meine Ohren mit ihr vollticken.

 

 

​

Beim Lesen von Gedichten

von Charles Simic.

 

Eine Träne zerdrücken,

bis sie flacher ist als

weißes Schreibmaschinenpapier,

dünn gewalzt von hageren Händen

auf die Größe eines Backblechs.

 

Verweisslicht,

ihrer Körperlichkeit beraubt,

ihrer Intimität, ihrer Erregbarkeit,

ihrem Fließen.

 

Um sie loszuwerfen

(warum auch immer),

muss man sie nur kurz

an ein sonniges Fenster legen.

 

Um sie zu erhalten

(warum auch immer),

muss man sie aufwendig befeuchten

und verdunkeln wie eine Zeichnung

von Leonardo Da Vinci im Louvre.

 

Wenn man sie fragen würde,

erinnerte sie sich nur noch

verschwommen an den Grund

ihrer Geburt in irgendeinem

unglücklichen Auge.

 

Da war ein Verlust, ein Schmerz

oder war es ein Rascheln

in einem Getreidefeld,

durch das Wind und Wolken

hindurchgezogen und Gletscher

oder Zitroneneis sicher nicht

darin geschmolzen sind.

 

Eine Träne zerdrücken

mit einem Daumen,

mit einem Jeanshosen Arsch,

 

oder der Traurigkeit

eines schweren, eines leichten Lebens,

sitzend auf einer Parkbank

an einem Sommerabend.

 

 

 

In Gebetsmühlen

mein irdisches Korn mahlen

 

und wie Max und Moritz

von Hühnern und Engeln

 

mit durchsichtigen Schnäbeln

aufgepickt werden.

​

​

​

Sätze etwa von Albert Schweitzer,

Mahatma Gandhi oder Hafis

über gute Taten von Menschen

fiktiv auf verschiedene bunte Stoffe

nähen, wie zum Beispiel:

 

"Was ein Mensch an Gutem

in die Welt hinaus gibt,

geht nicht verloren!"

 

Daraufhin eine Reihe

vulgärer Sätze aus dem

eigenen inneren Wortschatz suchen,

Flüche, Beleidigungen,

unterste Schubladen Sprüche,

wie zum Beispiel:

 

"Was für ein riesengroßes

Arschloch dieser F. doch ist!"

 

Auch diese auf bunte Stoffe nähen.

 

Danach alle Wörter

aus den Stoffen ausschneiden,

gut mischen wie ein Skatblatt

oder eine Lotterieziehung.

 

Mit den Wörtern in einem Plastikbeutel

in verschiedene Stadtviertel gehen,

auch in die finstersten und bedrohlichsten,

um dort unauffällig Wörter fallen lassen.

 

Wenn man in einer

harmlosen Kleinstadt lebt,

Wörter auf befahrenen Kreuzungen,

an Bushaltestellen, Bahnhöfen

oder Parks mit vielen ausgeführten

Hunden abwerfen.

 

Das Aussetzen der Stoffreste

sollte nur an Regentagen geschehen.

 

Nach ca. einer Woche versuchen,

möglichst viele Stoffreste wieder

einzusammeln.

 

Diese zu einem Patchwork Teppich

verweben.

 

Den Teppich zehn Jahre lang

im eigenen Badezimmer

oder der Toilette auslegen.

 

Ihn danach präsentieren

in irgendeiner Ausstellung über

"Ausdrucksformen im urbanen Raum"

​

​

 

Die ältere Frau

auf der anderen Bank

 

fettige lange Haare,

ungepflegt.

 

Keine Deutsche.

 

Die etwas

vor sich hin brabbelt

 

dann plötzlich

anfängt zu schluchzen

wie ein trauriger Mensch,

 

bald wieder still ist,

aufsteht und geht.

 

​

 

Mit den Vögeln

morgens mitsingen wollen,

wenn der Frühling endlich

wieder beginnt.

 

Dazu müsste man sich

im Winter intensiv vorbereiten

auf diesen Moment.

 

Vogelgeräusche einüben

mit verschiedenen Instrumenten,

Gesangsunterricht nehmen,

Vogel Gesangsunterricht.

 

Dabei sollten auch die Kopf-

und Schnabelbewegungen

genau imitiert werden.

 

Die Tage davor

wären schon aufregend genug.

 

Man hätte sich

in der Wohnung in Fensternähe

eine Astkonstruktion hergerichtet,

 

man wäre schon seit Tagen

sehr früh aufgestanden,

um den Beginn nicht zu verpassen.

 

Denn leider gibt es keine

Vorhersage in der Zeitung,

zu welchem Datum die Vögel

zum ersten Mal morgens

wieder singen werden.

 

Wenn es dann soweit wäre:

das Fenster schnell öffnen,

den Ast nach draußen kurbeln,

sich darauf setzen,

 

und zeitgleich mit den

ersten Vögeln in diesem Jahr

trillern und pfeifen,

was das Zeug hält.

 

Wer möchte, kann sich

noch schnell ein Amselkostüm

überstreifen oder einfach nur

zwei Flügel ohne Kostüm.

 

Darauf kommt es aber nicht an,

der Vogelgesang mit den dazugehörigen

Kopf- und Schnabelbewegungen

wären das Entscheidende.

 

​

Auf dem Weg zur Arbeit

durch einen kleinen Wald,

 

angefüllt mit Vögelgesängen,

darf ich mich fühlen

wie Franz von Assisi.

 

Den Vögeln lauschen

in der ganzen Pracht

meiner Irrtümer und Verfehlungen.

 

Ja, es ist gut und richtig,

wieder und wieder

vom Weg abzukommen.

 

 

​

Nach den großen Regen

in dieser Nacht:

 

überall Regenwürmer,

die auf den Straßen herumliegen,

 

zusammengekrümmt sicher keine

"ruhig gleitenden Zeichen des Himmels",

wie es bei Lukrez heißt.

 

Niemand,

der sie ans rettende Ufer trägt,

ihnen Trost spendet,

sie in der Erde bettet,

 

hier irgendwo

in einem kleinen Massengrab,

nicht größer als eine hohle Hand.

 

Keiner hat

ihre Lebensgeschichten aufgeschrieben,

sie befragt nach den Nebeln im April,

den wilden Küssen im Mai,

ihren Lieblingsphilosophen.

 

Alles kommt anders,

Vögel werden sie finden,

sich den Bauch mit ihnen

vollschlagen.

 

 

​

Darf ich mich vorstellen?

 

Ich bin ein uralter Stein.

Ich bewege mich nicht.

 

Ich kann nicht ficken,

nicht rechnen,nicht schreiben.

 

Und es ist alles unlogisch,

was ich hier von mir gebe.

 

Ich kann mittlerweile

ein paar Brocken deutsch sprechen,

auch wenn ich nicht weiß,

ob ich überhaupt einen Mund habe.

 

Ein Dichter hat es mich gelehrt,

er heißt Fred Darimont.

 

Ich habe vergessen,

wie lange wir schon befreundet sind.

 

Mein Schweigen,

meine Vokabel- und Grammatiklosigkeit

würde ich ihm gerne beibringen.

 

Es ist leider eine,

für Menschen unmöglich

zu erlernende Nichtsprache.

 

 

​

An einem Automaten

mit ein paar Münzen

sich alle Wünsche erfüllen.

 

Ein Monat Zufriedenheit

kostet z.B. einen Euro,

zwei Monate jeden Tag

ausschlafen mit anschließendem

Frühstück ans Bett zwei Euro.

 

Manche Wünsche fallen

sofort herunter wie Schokoriegel.

 

Andere gehen erst in Stunden

oder Jahren in Erfüllung.

 

Dann muss man halt

unter dem Automaten

seine Schlaf Matratze auslegen,

bis der Wunsch hoffentlich bald

runterrutscht.

 

Ob es tatsächlich dazu kommt,

lässt sich leider nicht

vorausberechnen.

 

Es heißt im Volksmund,

auf die Wünsche würden

wie bei Pferdewetten

spielsüchtige Engel

hohe Beträge setzen.

 

Wenn man nachfragt,

wo denn die Wettbüros

dieser Engel sein sollen,

wird immer wieder der Planet

Alpha Centaurus genannt.

 

 

​

In einer Eislaufhalle

 

Unter all dem Trubel -

wo ist jetzt die Stille,

die in ein paar Stunden

hier wieder alles ersetzen soll?

 

Musste sie ihre Ohren runter klappen,

um sich unsichtbar zu machen?

 

Und wo ist jetzt der Trubel,

wenn ich über seinen

stillen Gegensatz schreibe?

 

Ich müsste

ein guter ein böser Magier sein,

um alle Gefühlsregungen auf der Eisfläche

durch Zauberhand einzufrieren.

 

Was für lächerliche Verrenkungen

würde der Trubel dann machen?

 

Mit meinen Schlittschuhen

könnte ich an den erstarrten

Gestalten vorbeifahren,

hier und da Zöpfe flechten,

Geldbörsen klauen, neue Paare bilden.

 

Und wie wäre er beschaffen

bei einem schlechten und obendrein

geschmacklosen Magier wie mich?

 

Käme die Stille dann

angerannt auf bunten Stelzen,

die Ohren himmelhoch

aufgestellt?

 

Würde sie die trubeligen

Pappfiguren flachlegen?

​

Würde sie  Mozart Arien,

Bergpredigten leise,

so leise furzen?

    © 2025 Fred Darimont 

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