Waldspaziergang im Winter
Vereinzelt an Ästen,
Lindenblätter verdorrt.
Unter ihnen Teppiche
durchnässter Mit-Blätter.
Wenn sie selber
entscheiden könnten,
wie sie lieber enden.
Ein winziges zartes Wesen
krabbelt langsam hoch
an meinem Autofenster.
Ich könnte es ertränken
in meiner Spucke.
Könnte es erdrücken
mit meinem Atem.
Könnte versuchen
ihm etwas zuzuflüstern
(nur was?)
Selbst dabei
könnte ich es verletzen.
Und bräuchte
super teure Mikrofone,
um seine Antwort zu hören
All das habe ich gerade
- auf eine Ampel zufahrend -
nicht dabei.
Eine Fliege
kreuzt meinen Lebensweg
morgens beim Rasieren.
So viele Fliegen
haben schon
meinen Lebensweg gekreuzt.
So viele Kreuzungen
ohne Ampeln und Verkehrszeichen.
Und wenn es nur
das Rauschen des Windes,
die Bewegungen der Wolken
geben würde.
Wenn die Gräser,
die Flüsse, die Berge,
das Lachen, das Berühren,
das Singen
nicht da wären.
Immer
müssen die Zweige
sich im Wind bewegen
oder Ruhe geben
wenn kein Wind ist.
Warum können sie nicht
mal was anderes machen?
z. B. ihre Blätter zählen
und die der Nachbaräste.
Und warum kann der Wind
nicht einfach mal schlafen gehen?
Von Dingen träumen,
von denen ich keine Ahnung habe.
Wenn ich ein Mastschwein wär und heut sterben müsst:
die Sterne hätt ich gern noch mal gesehen,
eine Henkersmahlzeit hätt ich gern noch bekommen,
von meinen Freunden hätt ich mich gern noch verabschiedet,
meinem Schlächter hätt ich gern noch in die Augen geschaut.…
Eine Fliege in der Dusche
Du siehst mir
so fremd aus wie ein Raumschiff
von einem anderen Planeten.
Als wenn gleich
kleine Türe aufgingen.
Und irgendwelche Wesen,
noch kleiner, heraus schweben.
Was sind das
für unbekannte Materialien,
die dich an der Kachelwand
festhalten?
Könnten wir damit
globale Probleme lösen?
Vorne?
Fliegenkopf oder
Kommandozentrale?
Hinten?
Ein bahnbrechendes
Antriebssystem?
Jetzt zum ersten Mal
bewegen sich deine Füße.
Bewegen sich
wie bei einem (Erd) Lebewesen,
das du unzweifelhaft bist.
Wenn wir es nicht wissen,
vielleicht weiß es der Grashalm.
Wie können wir ihn kontaktieren?
Wie würden wir ihn ansprechen?
Oder wollten wir nur wieder
seine Geheimnisse erforschen
und ausbeuten?
​
Vielleicht weiß es der Grashalm.
Weil wir es nicht wissen.
Mit vielen kleinen Raumschiffen
würden wir zu ihm aufbrechen.
Landen vor seinem Innersten.
Sanft. In friedlicher Absicht.
Ihm Fragen stellen,
die wir nicht beantworten können.
​
Denn wir stecken fest.
Wissen nicht weiter.
Vielleicht weiß er weiter.
Lebensenden
Wenn sie
noch einmal kopflos
auffliegen könnten
bevor
ihre Körper und Seelen
finden Frieden in den Suppen.
Feuchte dämmrige Räume,
in die man eintritt,
um kleine Apfelkerne aufzuwecken.
Mit ihnen Karten spielen.
Ihnen von Silben Kernen
in fernen Büchern erzählen,
die manchmal, wenn der Winter hart ist,
um das Haus herum Nahrung suchen.
Sie kurz an der Hand hinausführen,
damit sie einmal im Leben
die Morgensonne, die Gräser
und Blumen auf den Wiesen sehen.
Es ist Ihnen alles viel zu hell,
schnell werden sie wieder müde
und wollen dann nur noch
in Ruhe gelassen und bitte
kein zweites Mal besucht werden.
Die Spinnweben auf der Brücke
nach dem Regen.
Ich habe noch etwas Zeit,
bis der Zug kommt.
Schaue durch sie hindurch
auf den Fluss, auf den Morgen,
bis ich mir schnell noch
das Ticket am Automaten kaufe.
Ein paar Tage später
sind die Spinnweben verschwunden.
Jemand muss die Brücke gesäubert haben.
Wer macht so etwas?
Warten an einer Autowaschanlage
Ein Vogel zwitschert
beim Einseifen seines Autos.
Sein Blick geht
zur Zwitscher Quelle.
Wandert, kein Ornithologe,
zu seinem Auto zurück.
Hinter ihm wartend, ein Lyriker,
der ein Gedicht wittert.
​
Aufprall nachmittags
auf der B 15
du
weißer Schmetterling
ich
Autofahrer am Lenkrad
du
flatternd verspielt von rechts
ich
geradeaus bald am Ziel
du
nach links rausgeschossen
linealgerade in kleinem Winkel
ich
sage sorry
Abendmond
Halb acht Uhr Mond
ein von Verliebten
angestarrtes halbes Brot.
Halb neun Uhr Mond
eine teure Designerlampe
auf einem Eichentisch.
Halb zehn Uhr Mond
ein schlaffer Lampion
in einem faden Gartenfest..
Der Tag der Amsel
Auf dem Weg
zur Arbeit, morgens
singt eine Amsel.
Auf dem Heimweg,
erschöpft, in Gedanken,
höre ich sie wieder.
Wie verschieden
war wohl unser Tag?