So viele Ozeandampfer
auf dem Meeresgrund.
So viele Menschen
mit ihren Wünschen und Erfahrungen.
Alle sind sie irgendwann
leck gelaufen und untergegangen.
Millionen, Milliarden von Ozeandampfern
sind schon Leck gelaufen und gesunken
im Laufe der Jahrhunderte
und Jahrtausende.
Wer erinnert sich noch an sie,
wenn auch die Erinnerungen
leck gelaufen sind?
Ich bin auch so ein Ozeandampfer.
Das unterschiedliche Schweigen der Steine,
das unterschiedliche Flüstern der Gräser,
das unterschiedliche Sehnen der Wolken.
Mit einer Spielekonsole
der neuesten Generation
meine Sehnsüchte in Formen
und Bewegungen am Himmel umsetzen.
Wie defekte Satelliten fallen sie
einem später in der Dämmerung
auf die Seelenköpfe.
Aber bevor das geschieht,
spüre ich einen großen Hunger
von soviel Selbstwirksamkeit.
Ich mache mir eine Dose auf,
schneide Brot dazu und einen Apfel.
Danach schaue ich lange
aus dem Fenster.
Das unterschiedliche Warten der Jahre.
​
"Jetzt rede ich so mit dem Tod:
...
Jederzeit kannst du kommen,
aber lass mich nicht fertig sein mit allem,
aber lass mich nicht leer sein zuvor..."
(aus dem Gedicht von Heinz Kahlau: "Jetzt I ")
Lass mich die Zähne
noch zu Ende putzen.
Lass mich die Seele
noch fertig weisseln.
Lass mich die Suppe
noch auslöffeln.
Lass mich die Zahl 1
noch regenfest machen.
Lass mich die Buchseite
noch zu Ende lesen.
Lass mich die Kartoffel im Mund
noch fertig kauen.
Lass mich meinem Seufzen
noch über die Straße helfen.
Lass mich den Wetterbericht
noch zu Ende schauen.
Lass mich mein leeres Glas
noch einmal mit Wasser füllen
Lass mich meinen leeren Worten
noch ein Schlaflied singen.
Gelbe Säcke am Straßenrand
Vergangenes Frühstücken
vergangenes Beeilen
vergangenes Kauen
vergangenes Verabschieden
vergangenes Aufgabeln
vergangenes Kochen
vergangenes Erzählen
vergangenes Verschlucken
vergangene Lust
vergangenes Bestreichen
vergangener Durst
Vergangene Langweile
Vergangenes Streiten
Vergangenes Toasten
vergangenes Spülen
vergangenes Versöhnen
vergangenes Öffnen
vergangenes Hoffen
vergangener Hunger
vergangenes Zuhören
vergangene Müdigkeit
vergangenes Lachen
Vergangenes Schließen
vergangenes Sorgen
vergangenes Wegwerfen
vergangenes Leben
Wir gehen aus dem Leim.
Unsere Ohren
gehen aus dem Leim.
Unsere Stühle
gehen aus dem Leim.
Unsere Lust
geht aus dem Leim.
Unsere Augen
gehen aus dem Leim.
Unsere Häuser
gehen aus dem Leim.
Unsere Festplatten
gehen aus dem Leim.
Unsere Haut
geht aus dem Leim.
Unsere Träume
gehen aus dem Leim.
Unsere Tapeten
gehen aus dem Leim.
Unsere Muskeln
gehn aus dem Leim.
Unsere Sonnenschirme
gehen aus dem Leim.
Unsere Liebe
geht aus dem Leim.
Unser Gedächtnis
geht aus dem Leim.
Unser Herz
geht aus dem Leim
Wir gehen aus dem Leim.
1
Werde ich irgendwann
zwischen den Sternen wandern?
Mir wäre erstaunlich warm
in dieser Kälte.
Würde Planeten passieren
voll Erinnerungen von Toten.
Würde interstellaren
Tagesfliegen begegnen.
Ihnen über die Straße helfen,
während ich längst
unter der Erde liege.
2
Man würde mich nicht
am Nachthimmel sehen.
Kein Teleskop mich entdecken.
Man würde mir keinen
fremden Namen geben.
3
Nein,
ich bin kein bewohnter Planet.
Nur ein kleiner Spinner am Abendhimmel,
der sich unter der Erde langweilt.
Der es hasst,
wie eine Kupfermine
abgetragen zu werden
von hungrigen kleinen Mäulern,
die keinen Schlaf kennen.
4
Vielleicht wandere ich
auch nur zum nächsten Wald,
zur nächsten Ampel,
zum nächsten Niesen.
Zum nächsten Einsteigen
eines Fahrkartenkontrolleurs.
Noch kann ich meinen Arsch
von meinem Kopf unterscheiden.
Noch weiß ich
wo oben und wo unten ist.
Noch weiß ich,
ob etwas in mich rein- oder rausgeht.
Noch kann ich mit meinen Händen
das Harte, das Weiche greifen.
Noch weiß ich,
dass Lissabon keine Polizeiuniform ist.
Noch weiß ich,
dass Steine keine Opern singen können.
Noch weiß ich
wie ich heiße und dass Wolken
über mir fliegen.
Noch kann ich ein Skatblatt
von einem Salatblatt unterscheiden.
Noch weiß ich,
dass sich Äste im Wind
und nicht im Spind bewegen.
Welche Lieder singt der Sensenmann?
Trägt er eine Armbanduhr?
Welche Schuhgröße hat der Sensenmann?
Wie viele Sprachen spricht er?
Welche Augenfarbe,
welchen BMI hat der Sensenmann?
Hat der Sensenmann eine Frau?
Kinder? Freunde?
Hat er manchmal Durst und Hunger?
Hat er einen Führerschein?
Welche Serien schaut der Sensenmann?
Wann hat er zuletzt geweint?
Ist das Sensenmann Sein
ein Neben- oder Haupterwerb?
Wird er entlohnt für seine Arbeit ?
Und wenn ja, von wem?
Wenn wir
nicht so stinken würden
nach dem Aufwachen,
vor dem Einschlafen,
beim Scheißen, beim Lieben,
beim Rennen um die Wette.
Egal,
was wir vorher getan haben,
ob wir Vergil gelesen
oder einen Abfluss gereinigt haben:
irgendwann stinken wir.
Und wir tun es immer mehr,
je älter wir werden.
Wenn wir uns irgendwann
als alternde geile Bischöfe
neben junge Mädchen legen,
wie es Balzac erzählt.
Und wir tun es bis zum Schluss
unserer Atemnummern
und danach so sehr,
dass man uns schnell
wegsperren muss.
​
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Vielleicht wartet ein Ort auf uns,
wo wir nicht mehr schwitzen
und ausscheiden müssen.
Vielleicht ist ja das Paradies
das Ende allen Verfaulens.
Ein Ort, wo Bäume
keine Früchte mehr tragen,
die herunterfallen müssen,
ein Ort, wo es
keine Toiletten und Duschen,
wo es
keine Nasen mehr gibt.
Auch die weisesten Menschen
der Vergangenheit und Gegenwart,
Philosophen, Propheten, Literaten,
können nicht hinter die Tür des Todes
schauen.
Die Tür ist ein Konstrukt.
Erstellt von virtuellen Schreinern.
Sie hat keine Türklinke.
Sie hat unzählige Türklinken.
Sie hat keine Türangel,
sie hat unzählige Angeln
auf allen Türseiten
Sie hat kein Schlüsselloch.
Sie hat unzählige Schlüssellöcher.
Dahinter finden sich aufgeschlagene
Seiten von sogenannten heiligen Büchern
und sonstigen philosophischen Schriften,
wie man sie im Internet für ein paar Euro
"in gebrauchtem aber gutem Zustand"
bestellen kann.
Wer berauscht ist
oder viel meditiert , betet
kann vielleicht noch anderes sehen.
Oder behauptet es nur,
wie es Scharlatane gerne tun.
Mein Seelenantrieb ist defekt,
und muß repariert werden.
Die Kosten steigen mit
abnehmender Entfernung
zum Sterbefall.
Wer sich eine Reparatur
im Alter nicht leisten kann,
sollte sich eine Philosophie suchen,
die nicht an Seelenstarts glaubt.
Der Mond, der mir sagt,
dass es bald Zeit ist
zu gehen.
Der Mond,der mir sagt,
dass es bald Zeit ist
zu kommen.
Der Mond, der mir sagt,
dass es bald Zeit ist,
sich auszudehnen wie das All,
Der Mond, der mir sagt,
dass es bald Zeit ist,
sich zusammen zu ziehn
wie ein Pflaumenwarten.
Der Mond, der mir sagt,
dass es bald Zeit ist
meinen Atem zu rationieren.
Der Mond, der mir sagt,
dass es bald Zeit ist,
mein Wasser zu verdunsten.
Der Mond,
der mir bald nichts mehr sagt.