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Noch bist du da, Mond,

noch leuchtest du über mir.

​

Noch seh ich dich

durch knorrige Winteräste

hindurch.

 

Noch hör ich

das Auffliegen der Enten,

hör meine Schritte

im Schneematsch.

 

Noch fließt mein Lebens - Bach

auf der kleinen Brücke

über den Fluss.

 

 

 

 

Bald den Stechmücken-, den Wespen-,

den Schneckentod sterben.

 

Vielleicht aufgefegt

auf einer schmutzigen Straße

von einem Fahrzeug der Stadtreinigung.

 

Vielleicht entdeckt

von einem Vogel im Morgengrauen.

 

Nein anders:

ich werde vielleicht an Schläuchen

hängen, und es werden vielleicht Tränen geweint werden, ja, etwas von mir wird dann schauen vielleicht aus der Luke eines ewigen Kreuzfahrtschiffes.

 

 

 

 

 

Wenn das Aufwachen nicht mehr da ist.

 

Wenn das Fenster öffnen nicht mehr da ist.

 

Wenn das Termine machen nicht mehr da ist.

 

Wenn der Morgennebel nicht mehr da ist.

 

Wenn die Platzangst nicht mehr da ist.

 

Wenn das Bestellen nicht mehr da ist.

 

Wenn das Zähneputzen nicht mehr da ist.

 

Wenn das Schuhebinden nicht mehr da ist.

 

Wenn der Hunger, der Durst nicht mehr da ist.

 

Wenn die Sehnsucht nicht mehr da ist.

 

Wenn die Vergesslichkeit nicht mehr da ist.

 

Wenn das Aufpassen auf einer Treppe nicht mehr da ist.

 

Wenn das Erledigen müssen nicht mehr da ist.

 

Wenn das Kaufen eines Zugtickets nicht mehr da ist.

 

Wenn das Geburtstagsgratulieren nicht mehr da ist.

 

Wenn das sich Ärgern nicht mehr da ist.

 

Wenn die Lust nicht mehr da ist.

 

Wenn das Lesen nicht mehr da ist.

 

Wenn das Vorbeifahren von Autos nicht mehr da ist.

 

Wenn die Ungeduld nicht mehr da ist.

 

Wenn das Telefonieren nicht mehr da ist.

 

Wenn das Fragen nicht mehr da ist.

 

Wenn das Müde werden nicht mehr da ist.

 

Wenn das sich Empören nicht mehr da ist.

 

Wenn das Geld abheben nicht mehr da ist.

 

Wenn das Schreiben nicht mehr da ist.

 

 

 

 

Lieblingsschlager

auf einem Friedhof im Mai

 

Morgen kommt

die schöne Zeit

zu uns zurück,

 

auch wenn

die Zeit das Licht

schon lange nicht mehr

bei uns wohnt.

 

Morgen lacht

uns wieder das Glück,

 

auch wenn unkenntlich

unsre Lippen unsre Augen

zum Küssen zum Glücken.

 

Sind wir heute

arm und klein,

sind wir heut

nur noch Gebein

 

Morgen wird

das Leben

endlich wieder schön,

 

denn morgen kommt

die schöne Zeit

zu uns zurück,

 

 

(Das Gedicht bezieht sich auf den

deutschen Schlager "Morgen"

von Peter Mosser)

 

 

 

 

 

Sonnenblumen

in der morgendlichen Rushhour.

 

Jetzt hält hier keiner an,

um uns abzuschneiden.

 

Zweibeiner kommen erst

am Nachmittag nach der Arbeit.

 

Keine von uns

ist jemals zurückgekehrt.

 

So viele Fragen, so viele Fragen.

 

 

 

 

 

Dieser Himmel ist zu groß für mich.

 

Dieser Fluss ist zu groß für mich.

 

Dieser Mond ist zu groß für mich.

 

Dieser Wald ist zu groß für mich.

 

Dieser Nebel ist zu groß für mich.

 

Dieses Leben ist zu groß für mich.

 

Dieses Gedicht ist so klein wie ich.

 

 

 

 

 

7 Gebote für Verstorbene

 

 

Du sollst mit deinem Tod nicht diskutieren.

 

Du sollst deine Totengräber nicht beschimpfen.

 

Du sollst bedingungslos annehmen, was mit dir passiert.

 

Du sollst nicht zurückblicken.

 

Du sollst dich vor deinem Totengeruch nicht ekeln.

 

Du sollst dir kein Bild von irgendeiner Zukunft machen.

 

Du sollst dich vertrauensvoll von Gottes Geschöpfen aushöhlen lassen.

 

 

 

 

Letzte Fragen

 

Werden meine

letzten Worte und Sätze

Doppelkonsonanten enthalten?

 

Wie viele Vokale,

Nomen und Adjektive

werden darunter sein?

 

Wird mein letzter Satz

ein Ausrufe-, ein Frage-,

ein Aussagesatz sein?

 

Und mein letztes

hingehauchtes Wort -

wie viele Silbenbögen

lassen sich noch zählen?

 

 

 

 

Variationen für Senioren

 

1

 

Er schaut sich schon lange

keine Himmel mehr an.

​

2

 

Er erschreckt sich über den immer

intensiveren Geruch seinen Schweißes.

 

3

 

In seiner Phantasie

ist er ein leidenschaftlicher Liebhaber.

 

4

 

Er verliert immer öfter den Faden

und die Geduld.

 

5

 

Er sollte wieder mal

einen Freund anrufen.

 

6

 

Er sieht jeden Tag in den Nachrichten

und im Spiegel beim morgendlichen

Rasieren, wie vergänglich ein einzelnes

Leben und ein Planetenleben ist.

 

7

 

Ob es einen Schöpfer gibt,

der die aufgescheuchten Seelen

mit einem Baseballhandschuh auffängt?

​

8

 

Sündigen ist für ihn,

einen Kloß, eine Eiskugel mehr essen.

 

9

 

Hoffentlich wird

der Sommer nicht zu heiß

und der Winter nicht zu kalt

 

10

 

Wird er morgen verschlafen

oder entschlafen?

 

 

 

 

 

Bilanz am Ende eines Lebens:

 

Der Miele Geschirrspüler war der beste von allen, auch wenn er etwas teurer ist als die anderen.

 

Das Geschirr von Villeroy und Boch sieht immer noch aus wie neu.

 

Der Siemens Staubsauger hat mich nie im Stich gelassen.

 

Der Kaffeeautomat von AEG hält schon ewig.

 

Die Bohrmaschine von Makita war ein treuer Begleiter in all den Jahren.

 

Die Wohnzimmergarnitur hat sich kaum abgenutzt.

 

Der Gehweg zum Garten hat nur ein paar Risse bekommen in den letzten 20 Jahren.

 

Die Terrassen Jalousie müsste erneuert werden,

aber das lohnt sich nicht mehr.

 

 

 

 

Die Träume kommen nur noch

selten nachts in unseren Schlaf.

 

Sie sehen dann krank

und geschwächt aus,

manche zittern am ganzen Leib.

 

Sie starren stundenlang

auf irgendeinen Gegenstand,

irgendein weißes Bettlaken.

 

Sie können nicht mehr

singen und tanzen wie früher,

sie küssen nicht mehr.

 

Meist hängen sie,

wie sie auf Nachfrage zugeben,

den ganzen Tag in dunklen Höhlen ab,

verschlafen ihre Auftritte in den Nächten

bei den ihnen zugeteilten Schläfern.

 

Ich bin einer von diesen Schläfern.

Versuche tagsüber,

nach meinen Erledigungen,

das bessere Träumen von Früher

nach zu erinnern, nach zu spielen.

 

Mein Blau will tanzen mit der 9,

in deiner Bluse ist es warm,

so einsam sind die Winterwege,

ein Schneeball fliegt ins Zimmer,

der bin ich, zerplatzen will ich nicht!

 

 

 

 

 

 

Das Leben verging wie im Flug,

das Leben verging wie im Potz,

 

das Leben verging wie im Hiller,

das Leben verging wie im Agger,

 

das Leben verging wie im Null,

das Leben verging wie im Hoss,

 

das Leben verging wie im Schiffer,

das Leben verging wie im Ottel,

 

das Leben verging wie im Schubs,

das Leben verging wie im Koll,

 

das Leben verging wie im Moller,

das Leben verging wie im Uffel,

 

das Leben verging wie im Sot,

das Leben verging wie im Büll.

 

 

 

 

1

 

Vogelgezwitscher

zur Paarungszeit

morgens und abends

vom Friedhof live eingespielt.

 

2

 

1x täglich Wetterbericht

und Börsennachrichten;

5x wöchentlich Sportnachrichten;

stündlich Kurznachrichten

 

3

 

1x wöchentlich Aufzeichnung

eines Fußballspiels nach Wahl

 

4

 

Schnelle Benachrichtigung

von Geburten und Sterbefällen

in der Familie.

 

5

 

Mehrmals jährlich

ausgewählte Sondersendungen

zu politischen und sonstigen Ereignissen

 

6

 

1x jährlich Übertragung

einer Christmette;

15 Minuten Live Übertragung

Übergang ins neue Jahr

 

7

 

6 x wöchentlich Vorlesen

aller Todesanzeigen in der Lokalzeitung

durch text to speech Software.

 

 

 

 

 

Bald an Bord

des letzten Schiffs

mit dem erfahrenen

Captain EWIGKEIT.

 

Wie lange werden wir reisen?

 

Wieviel Gepäck

dürfen wir mitnehmen

beim Einchecken ins Alpha

und Omega der alten Schriften?

 

Und wird dort

etwas auf uns warten?

    © 2025 Fred Darimont 

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