Wenn der Tod kommt,
ihm einen Witz erzählen.
Wenn der Tod kommt,
ihm ein Rätsel aufgeben.
Wenn der Tod kommt,
ihn fragen wie er geschlafen hat.
Wenn der Tod kommt,
ihn nach der Uhrzeit fragen.
Wenn der Tod kommt,
ihn fragen, wo die nächste
Toilette ist.
Wenn der Tod kommt,
ihn fragen, ob er Männchen
oder Weibchen ist.
Wenn der Tod kommt,
ihn nach seinem Namen
und seiner Adresse fragen.
Wenn der Tod kommt,
ihn bitten, einen Drink
zu mixen.
Wenn der Tod kommt,
ihn fragen, ob er einen
50 Euroschein kleinmachen kann.
Wenn der Tod kommt,
ihn bitten, sich auszuweisen.
Man wolle jeden Zweifel
ausschließen.
1
Wir haben uns von allen Dingen
eine Meinung gebildet:
So werden wir sterben
voller Meinungen und Urteile
über dies und das.
So werden wir enden
voll bedeutender Erinnerungen
aus unserem Leben.
Vielleicht vollgepumpt
mit Tranquilizern,
um die Schmerzen zu lindern.
2
Gleich werden wir losrutschen,
die Beine schon angewinkelt,
mit rührigen Hoffnungsschimmern
auf unseren Netzhäuten.
Was für ein Glück im Unglück,
wenn in unserer Todesstunde
ein rettender Gedanke
aus uns herauspurzelt.
Schimmer und Gedanke
singen es schunkelnd im Kanon,
dass es ewig weitergehen wird
mit unseren Meinungen und Urteilen
über dies und das.
3
Gerne würden wir ein Image machen
von unserem ganzen Inneren,
unseren Vorlieben und Abneigungen,
unseren Lieblingsthemen,
unseren Plänen und Müdigkeiten.
Ein Image,
das irgendwo aufbewahrt wird,
das wir vielleicht irgendwann
wieder runterladen in einer anderen Zeit,
an einem anderen Ort.
Wenn wir vielleicht schon
als Meteroiten durchs Weltall fliegen
auf der Suche nach steinernen Gefährten.
Oder gasförmig uns ausbreitend,
einsame Verse in unsichtbare
Notizbücher schreibend.
Wieder und wieder
schauen wir herunter
auf unsere steinernen
unberührbaren Körper.
Jahrtausende nicht mehr gewaschen,
schrumpfend und doch fähig
zu Verzweiflung, zu Ungeduld.
Liebeskrank nach anderen Wesen,
die keine Steine, keine Gaspartikel sind.
Mit denen wir uns hinlegen wollen,
Ruhe finden und Begehren.
Uns anschauen, berühren.
Auf dem Image waren Bilder
von diesen Wesen.
Wir erinnern uns dunkel
an ihre Körperformen,ihre Kleidung.
Sehen manchmal Arme und Hände,
Brüste, Gesichter.
Wenn wir dieses
verdammte Image runterladen könnten.
Wie würde es uns weiterhelfen
in unserer ausweglosen Lage?
4
Die Bilder werden von Jahrtausend
zu Jahrtausend schwächer.
Nur die Sehnsucht will nicht abnehmen.
Mit einem Gefährten könnte man
täglich das 1x1 üben, Karten spielen,
kosmische Musik hören.
Sich immer Gute Nacht wünschen,
weil es immer Nacht ist.
Sich gemeinsam verlieren
in der Ewigkeit.
Schimmer und Gedanke
in diesem riesigen Raum.
1
Wenn die inneren Geräte
nicht mehr optimal funktionieren.
Wenn sie anfangen,
Ungenauigkeiten, Verschrobenheiten,
Leichtsinn zu erzeugen.
Wenn wir zunächst Farben verlieren
an verschiedenen Körperstellen.
Und Energien, deren Namen
wir nicht einmal kennen.
Wenn die flüssigen Quellen
langsam verebben.
Das Blutflüstern und -schmeicheln
in den pochenden Herzhöhlen.
Das Hundegebell in den Kieferhütten.
Die einst wilden Party Tänze
der Lungenbläschen.
​
2
Wenn wir anfangen,
zunächst in Träumen,
uns zu vereinsamen.
Wenn man uns schließlich
an solchen Orten hinausführt
in dunkle Ecken,
wo wir nicht mehr wissen,
ob diese noch bewohnbar sind.
Und wenn die Beine
trotzdem anschwellen
oder gerade deshalb.
Ich weiß:
eines Tages
nach einer langen Wanderung
werde auch ich
Teil des Horizontes sein.
Dort
werde ich kurz Rast machen.
Jahrhunderte
muss ich dann klettern,
bis ich Teil des Sternenhimmels
geworden bin.
Hier
kann ich dann endlich
nach Lust und Laune
werden was ich will:
Mal Schokoriegel,
mal Wassereimer,
mal Weihnachtsstern.
Stellen wir ihn jeden Augenblick
und in jeder Gestalt vor unser innerstes
Auge. Fragen wir uns beim Stolpern eines Pferdes, bei einem herabstürzenden Ziegel, beim geringsten Nadelstich immer wieder sogleich: 'Wie, könnte das nicht der Tod persönlich sein?'
(aus: Michel de Montaigne: Essais I, 20)
Dreck unter meinen Fingernägeln -
bist du der Tod persönlich?
Fleischrest zwischen den Zähnen -
bist du der Tod persönlich?
Schnürsenkel meiner schwarzen Schuhe -
bist du der Tod persönlich?
Fledermaus statt Feldmaus -
bist du der Tod persönlich?
Rot werdende Ampel -
bist du der Tod persönlich?
Fettfleck auf meinem Hemd -
bist du der Tod persönlich?
Rücküberweisung auf mein Konto -
bist du der Tod persönlich?
T oder o oder d -
ist einer von euch der Tod persönlich?
Wenn einem
in der Todesstunde
ein Güterzug
durch den Kopf rattert,
eine Schnecke
durch die Blutbahn
schlendert,
und ein Zahnarzt sagt:
"Jetzt bitte ausspülen"
1
Wenn nach dem Tod
mein Zuhause eine Hundehütte
wäre.
Man selber so klein
wie ein Hund geworden.
Und wenn 100 Hunde am Tag
vorbeikämen, um einen abzulecken.
Und wenn den ganzen Tag,
jeden Tag, das Hämmern
der Schreiner zu hören wäre,
die neue Hundehütten bauten
für neue Ankömmlinge wie mich.
Man könnte sich
in der Hütte kaum strecken.
Niemand, der einen ausführte,
wenigstens für eine halbe Stunde.
Es wäre immer Nacht.
In jeder Hütte wäre ein kleines Licht,
nicht größer als das einer
Weihnachtskerze auf einem
Tannenbaum.
Jeden Tag würde Weihnachten,
Ostern und Geburtstag kurz gefeiert.
Fünf Minuten lang jeweils.
Aus einer Anreiche
staksten Nikoläuse, Weihnachtsmänner
und Osterhasen heraus.
Auch die Geburtstagskerzen
hätten Beine und Füße.
Eine passende Musik
würde jeweils dazu spielen.
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2
Man müsste jahrzehntelang
eine schwierige Hundesprache
mit schlechten Schulbüchern
ohne Lehrer lernen.
Eine Bellsprache.
Dann könnte man telegrammartig
Nachrichten von seinen Liebsten
erhalten und versenden.
Es fiele einem nach einiger Zeit auf,
dass diese Nachrichten
einen stereotypen Eindruck machten.
So dass man nach vielen Jahren
sich ziemlich sicher wäre,
dass es sich um primitive
Satzbausteine handelt.
Dennoch freute man sich jedes Mal
auf solche bellenden Grüße.
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3
Das Essen wäre ohne jeden Geschmack.
Man würde es essen, weil man Hunger hat.
Mit den Getränken wäre es ebenso.
Irgendwann hätte man sich
an die leckenden Hunde
und die Enge in der Hütte gewöhnt.
Und man wartete
nur noch dumpf darauf,
für eine halbe Stunde am Tag
zum Spaziergang abgeholt
zu werden.
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4
Und dann ginge irgendwann
der Wunsch in Erfüllung.
Man würde nun regelmäßig
abgeholt von einem Lebewesen,
das aus Streichhölzern bestehe.
Es würde nicht atmen,
es ginge unbeholfen.
Man habe immer die Befürchtung,
dass gleich irgendetwas wegbrechen könnte.
Kein Sprechen.
Scheinbar auch kein Sehen
und Hören.
Wohl eine Streichholzmaschine,
in sinnloser Fleißarbeit
zusammengesetzt und -geklebt.
Von einem mittelmäßigen
Techniker mit einem Pseudoleben
ausgestattet.
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5
Sich nach einem Weibchen sehnend,
seltsamerweise einem Hundeweibchen.
Ahnend dass die Phantasien
mal andere waren.
Doch man erinnerte sich nicht
mehr daran wie bei einem
verlorenen Nachttraum.
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6
Ca. alle hundert Tage
gäbe es einen kurzen Sternenhimmel.
Danach wäre alles wieder dunkel.
Auch der Mond erscheine,
polternd laut,
ca. einmal monatlich.
Gesänge Lieder in einer
unbekannten hässlichen Sprache.
Heiser, schräg, versoffen.
Danach sei mal froh,
ihn einen Monat lang nicht mehr
sehen und hören zu müssen.
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7
In einer Ecke der Hundehütte
stünde ein ganz kleiner Drucker,
der nicht mehr funktioniere.
Schon 100 Jahre lang
hätte man vergeblich versucht,
ihn zu reparieren.
Man rufe dennoch weiterhin
täglich Callcenter Nummern an,
die absurde Anweisungen gäben,
die nirgendwo hinführten.
Man habe vergessen,
wofür er mal benutzt wurde.
Der Drucker bleibe ein Rätsel,
wie der ganze Aufenthalt hier.