Übungen zur Menschlichkeit
1
10 Fotos von größeren Menschengruppen
bei öffentlichen Massenveranstaltungen oder
größeren privaten Feiern ohne Interesse
am Kontext des Fotos auswählen.
Die Menschen auf den jeweiligen Fotos zählen.
Die Gesichter mit einer Vergrößerungssoftware
ausschneiden und so vergrößern, dass das
Gesicht noch halbwegs erkennbar ist.
Jedes Gesicht 10 Minuten lang anschauen.
Dabei mehrmals aussprechen:
"Du bist ein Mensch wie ich."
1
Wenn nach dem Tod
mein Zuhause eine Hundehütte
wäre.
Man selber so klein
wie ein Hund geworden.
Und wenn 100 Hunde am Tag
vorbeikämen, um einen abzulecken.
Und wenn den ganzen Tag,
jeden Tag, das Hämmern
der Schreiner zu hören wäre,
die neue Hundehütten bauten
für neue Ankömmlinge wie mich.
Man könnte sich
in der Hütte kaum strecken.
Niemand, der einen ausführte,
wenigstens für eine halbe Stunde.
Es wäre immer Nacht.
In jeder Hütte wäre ein kleines Licht,
nicht grösser als das einer
Weihnachtskerze auf einem
Tannenbaum.
Jeden Tag würde Weihnachten,
Ostern und Geburtstag kurz gefeiert.
Fünf Minuten lang jeweils.
Aus einer Anreiche
staksten Nikoläuse, Weihnachtsmänner
und Osterhasen heraus.
Auch die Geburtstagskerzen
hätten Beine und Füße.
Eine passende Musik
würde jeweils dazu spielen.
2
Man müsste jahrzehntelang
eine schwierige Hundesprache
mit schlechten Schulbüchern
ohne Lehrer lernen.
Eine Bell Sprache.
Dann könnte man Telegramm artig
Nachrichten von seinen Liebsten
erhalten und versenden.
Es fiele einem nach einiger Zeit auf,
dass diese Nachrichten
einen stereotypen Eindruck machten.
So dass man nach vielen Jahren
sich ziemlich sicher wäre,
dass es sich um primitive
Satzbausteine handelt.
Dennoch freute man sich jedes Mal
auf solche bellenden Grüße.
3
Das Essen wäre ohne jeden Geschmack.
Man würde es essen, weil man Hunger hat.
Mit den Getränken wäre es ebenso.
Irgendwann hätte man sich
an die leckenden Hunde
und die Enge in der Hütte gewöhnt.
Und man wartete
nur noch dumpf darauf,
für eine halbe Stunde am Tag
zum Spaziergang abgeholt
zu werden.
4
Und dann ginge irgendwann
der Wunsch in Erfüllung.
Man würde nun regelmäßig
abgeholt von einem Lebewesen,
das aus Streichhölzern bestehe.
Es würde nicht atmen,
es ginge unbeholfen.
Man habe immer die Befürchtung,
dass gleich irgendetwas wegbrechen könnte.
Kein Sprechen.
Scheinbar auch kein Sehen
und Hören.
Wohl eine Streichholzmaschine,
in sinnloser Fleißarbeit
zusammengesetzt und - geklebt.
Von einem mittelmäßigen
Techniker mit einem Pseudoleben
ausgestattet.
5
Sich nach einem Weibchen sehnend,
seltsamerweise einem Hundeweibchen.
Ahnend dass die Phantasien
mal andere waren.
Doch man erinnerte sich nicht
mehr daran wie bei einem
verlorenen Nachttraum.
6
Ca. alle hundert Tage
gäbe es einen kurzen Sternenhimmel.
Danach wäre alles wieder dunkel.
Auch der Mond erscheine,
polternd laut,
ca. einmal monatlich.
Gesänge Lieder in einer
unbekannten hässlichen Sprache.
Heiser, schräg, versoffen.
Danach sei mal froh,
ihn einen Monat lang nicht mehr
sehen und hören zu müssen.
7
In einer Ecke der Hundehütte
stünde ein ganz kleiner Drucker,
der nicht mehr funktioniere.
Schon 100 Jahre lang
hätte man vergeblich versucht,
ihn zu reparieren.
Man rufe dennoch weiterhin
täglich Call Center Nummern an,
die absurde Anweisungen gäben,
die nirgendwo hinführten.
Man habe vergessen,
wofür er mal benutzt wurde.
Der Drucker bleibe ein Rätsel,
wie der ganze Aufenthalt hier.
Ich habe es geschafft,
mich unbemerkt in die Mona Lisa
einzuschmuggeln.
Dort schaue ich je nach Tageslaune
in den Falten ihrer Ärmel
oder hinter den Felsen im Hintergrund,
auf die vorbeiziehende Masse von Besuchern.
An Tagen
mit besonderem Publikumsandrang
mache ich es mir hinter einem
ihrer Augen gemütlich.
Wie sie auch mich mit bewundern.
Wie sie vor Ehrfurcht
anfangen zu flüstern,
wenn sie auf die Mona Lisa
und mich schauen.
Wie vor allem die Verliebten
Selfies mit ihr und mir
im Hintergrund machen.
Manchmal versuche ich,
mich für Sekunden zu zeigen,
das Versteckspiel zu beenden.
Mich zu zeigen, wie ich wirklich bin.
Dann erzähle ich leise den Besuchern
von meinen Fehlern und Irrtümern.
Dann zeige ich ihnen
meine körperlichen Makel,
meine Alterserscheinungen.
Die Medikamente, die ich
täglich einnehmen muss.
Flüstere ihnen
meine Obsessionen zu,
meine Ängste, meine Abgründe…
1
Ich will mich siegen.
Ich will mich scheinwerfern.
Ich will mich duften.
Ich will mich sounden.
Ich will mich anstrahlen.
Ich will mich outen.
Ich will mich singen.
Ich will mich finden.
Ich will mich releasen.
Ich will mich erschaffen.
Ich will mich überleben,
ich will mich ewigen.
2
Was würde ich dafür geben,
wenn alle Menschen auf Erden,
eine Minute lang
gleichzeitig über mich nachdenken?
Und mir dies mitteilten
in Milliarden Mails
bzw. Containern voller Post.
Was würde ich dafür geben,
wenn das Internet wegen
dieser Gedenkminute
weltweit
zusammenbrechen würde.
3
Aber was wäre danach?
Wäre ich dann wieder
ein kleiner Wicht?
Von Katzen und Hunden gejagt.
Von Schatten und bösen Zauberern
geängstigt.
Von billigster
und teuerster Zukunft ignoriert?
4
Nein,
ich will nicht vergehen
wie ein Streichholz,
wie eine Sternschnuppe,
wie ein Snack,
wie ein Türklingeln.
5
Ich will länger
als ein Streichholz brennen.
Ich will länger als alle Streichhölzer
in einer 10er Packung brennen.
Container voller Streichholzschachteln
lang will ich brennen.
Grosse Wälder voller Container
von Streichholzschachteln
lang will ich brennen.
6
Weiterbrennen will ich
auch nach meinem Tod.
Erstmal hundert Jahre lang
sollen Tag und Nacht
Streichhölzer für mich
angezündet werden.
Das wäre erst der Anfang.
Jede Sekunde lang
will ich ewiglich
aufleuchten und vergehen.
Von der täglichen Arbeit
innehalten.
Irgendein Wort,mehrere Wörter,
die einem spontan einfallen,
leise sprechen.
Diese Worte wie etwas Essbares,
jeden Laut, jeden Buchstaben,
im Mund schmecken und herunterschlucken.
Mehrere solcher Wörter im Laufe des Tages
sprechen und verspeisen.
Am Abend
in einem einsamen Moment,
die Wörter ausscheiden.
Variationen zu Ingeborg Bachmanns
Gedicht "Reklame"
1
Sich drei Tage in einem Raum aufhalten,
in den nur sehr wenig Licht und kaum
Außengeräusche hereinkommen.
Auf den Fußboden auf der einen
Seite des Zimmers in großen Lettern
schreiben: "wenn Totenstille".
Auf der anderen Seite des Zimmers
in großen Lettern schreiben: "eintritt".
Sich in die Mitte des Zimmers
drei Tage und drei Nächte
nackt auf ein weißes Laken legen.
Jede Stunde fünf Minuten lang
sich auf einen der Buchstaben stellen.
Diesen unterschiedlich laut aussprechen,
ausflüstern,ausrufen,ausbrüllen, aussingen,
ausstossen,ausschreien,auskotzen.
Sich danach wieder still auf das Laken legen,
bis die vergehende Zeit zum nächsten
Buchstaben ruft.
Alle Bilder und Gedanken,
die in dieser Zeit der Stille
und des Sprechens kommen,
innerlich aufschreiben, wie es Gefangene tun,
denen man über Jahre Papier und Stift
verwehrt.
2
Wohin tragen wir unsere Fragen?
Wir tragen sie in einen dunklen Spind.
Wir werfen sie als Plastikmüll in einen Wald.
Wir erwürgen sie an einem heißen Sommertag.
Wir trinken Sie in einem Zug hastig aus.
Wir vermarkten sie auf einem Online Portal.
Wir tragen sie ans sandige Ufer eines Halbschlafs.
3
"Kommt alle nochmal zusammen
zu einem Abschiedsschauer.
Da wollen wir es nochmal krachen,
die Puppen tanzen lassen..."
...
um den zerborsteten Schauer aller Jahre,
um den spitzbödigen Schauer aller Jahre,
um den schwerlichen Schauer aller Jahre,
um den süßen Schauer aller Jahre,
um den eitrigen Schauer aller Jahre,
um den dreitolligen Schauer aller Jahre,
um den abgestandenen Schauer aller Jahre,
um den vergessenen Schauer aller Jahre,
um den schmerzgründigen Schauer aller Jahre,
um den bitteren Schauer aller Jahre,
um den tieftunneligen Schauer aller Jahre
um den zerklüfteten Schauer aller Jahre.
4
wenn Luftverhängung eintritt
wenn Adernpfütze eintritt
wenn Herzvermoosung eintritt
wenn Knochensprudeln eintritt
wenn Blauentschlafung eintritt
wenn Fluchverdünnung eintritt
wenn Speichelabfluß eintritt
wenn Seelencountdown eintritt
Ca. 100 geschriebene
und ausgedruckte Gedichte
provisorisch binden.
Eine Standkamera aufbauen.
Mit der linken Hand
die gebundenen Seiten halten.
Filmen wie der rechte Daumen
in mehreren Durchgängen
willkürlich Seiten teilweise,
überwiegend oder ganz durchblättert.
Aus dem Film Einzelfotos
von diesen auf geblätterten Seiten machen.
Diese in der gleichen Größe
des Originals ausdrucken
und erneut provisorisch binden.
Den Vorgang des filmischen Durchblätterns,
der Bildauswahl, des Ausdruckens,
des erneuten Bindens der Bildauswahl
mindestens fünfmal wiederholen.
Mit einer zweiten Kamera alle
beschriebenen Handlungen dokumentieren.
Nach jedem gebundenen Exemplar
vom Original bis zur fünften Kopie
jeweils eine 3 minütige Lesung
von Texten bzw. Textresten machen.