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Am Fluss, morgens

​

Nein, sein Wasser ist nicht

schon ewig geflossen.

 

Nein, es wird auch nicht

ewig weiter fließen.

 

Jetzt, nach dem Güterzug,

höre ich den Fluss wieder.

 

Er hört sich

für einen Moment so an

wie ablaufendes Wasser

in einem Waschbecken.

 

Ablaufendes Wasser

in meinem ewigen Waschbecken.

 

 

 

 

Ich laufe

durch meine Lebenszeit.

 

Ich habe es eilig,

es ist nicht mehr weit.

 

Ich stoße

Tage und Jahre wie Kugeln

über den Zeiten Tisch.

 

Ich werde gesponsert

von Wind und Wetter,

von Eisen und Sauerstoff.

 

Ich werde alles geben,

den Schallach und Ginder

am Ende zu finden.

 

Deshalb nähe ich

den Rosen in mir

die Herzen ein aus.

 

Deshalb laufe ich

durch schmale Gänge

ins Heller Dunkler.

 

Pflanze ich fort

mein Erinnern mein Vergessen

an meine Kinder und Kindeskinder.

 

 

 

 

 

 

Fallobst am Weg

 

Es sind muntere Gestalten!

 

Krabben,

ihre wirren Zangen

in alle Richtungen gekrümmt.

 

Exzentrische Konditorei Produkte.

 

Manchen möchte man

ein Kleidchen nähen,

damit sie würdevoller sterben können.

 

Andere möchte man

in den Arm nehmen,

in den Schlaf schaukeln

oder wach küssen.

 

Manchen möchte man gerne

einen Nachruf schreiben.

 

Einige sehen aus,

als hätten alte Männer sie

in wochenlanger Arbeit geschnitzt,

um sie auf Weihnachtsmärkten

zu verkaufen.

 

Wieder andere sehen aus,

als hätten Sterne sie ausgespuckt.

 

Denkerstirn, Wurst,

vergangene Lettern,

gefallene Krieger

 

von weit entfernten

Götterschlachten.

 

Es sind wirklich muntere Gestalten!

 

 

 

 

 

1

 

Wenn die Seelen

in den Himmel fahren,

 

mit schlechten Seelenbooten,

die immer unter gehn.

 

 

Wenn die Seelen

in den Himmel fahren,

 

mit Seelen - Fröschen - Sprüngen,

die Störche so sehr mögen.

 

 

Wenn die Seelen

in den Himmel fahren,

 

in ihren klapprigen Raketen,

die ständig auseinanderfallen.

​

2

 

Wenn die Seelen

in den Himmel fahren,

 

und keine Ruhe geben,

bis sie im Schoss der Ewigkeit

endlich dösen können.

 

 

Wenn die Seelen

in den Himmel fahren,

 

und streitsüchtig wie sie sind,

sich die Nasen blutig schlagen.

 

 

Wenn die Seelen

in den Himmel fahren,

 

voll Spott und Hohn

auf ihre braven Todeswirte.

​

3

 

Wenn die Seelen

in den Himmel fahren

 

und wenn die Himmel

in die Seelen fahren

 

und keiner mehr weiß,

wo oben und unten ist.

 

 

Wenn die Seelen

in die Himmelwörter fahren

 

Simmel und Seemel sich nennen.

 

 

Wenn die Simmel wieder

Seelenwort werden wollen,

 

wenn die Seemel wieder

Himmel heißen wollen.

 

 

Wenn die Seelen

den Glauben an den Himmel

verloren haben

 

wenn die Himmel
Seelen und Seehunde

nicht mehr unterscheiden können.

​

4

 

Wenn die Seelen der Garnelen

in den Meeresgrund sinken.

 

Wenn die Seelen der Kreise

auf den Zirkelspitzen das Abheben üben.

 

Wenn die Seelen der Stunden

in den Zeitenteig fallen.

 

Wenn die Seelen der Gleise

zu den himmlichen Kriegsfronten

rattern.

 

Wenn die Seelen der Gerste

von den himmlichen Mühlen

kleingeraspelt werden.

 

 

 

 

 

Ich bin schon ein alter Knochen,

ich werd bald ein junger Rochen.

 

Ich bin schon ein alter Ast,

ich werd bald ein junger Mast.

 

Ich bin schon ein altes Husten,

Ich werd bald ein junges Prusten.

 

Ich bin schon ein altes Becken,

ich werd bald ein junges Lecken.

 

Ich bin schon ein alter Pimmel,

ich werd bald ein junger Schimmel.

 

Ich bin schon ein alter Mann,

werd nie mehr ein junger Mann.

 

 

 

 

Es hat etwas Beruhigendes,

das nasse Handtuch morgens

nach dem Duschen

auf den Wäscheständer

in der Badewanne zu hängen.

 

Den Tag damit beginnen,

etwas zu erledigen,

das unbedingt gelingt,

das nicht zu verhindern ist.

 

Höchstens durch etwas

ganz Außergewöhnlichem

wie einem schwerem Erdbeben.

 

Aber wer will an so was denken

in einem Erdbeben sicheren Gebiet?

 

Selbst ein plötzliches Versterben

könnte das Trocknen des Handtuchs

nicht aufhalten.

 

Auch wenn einem selber

die Welt gerade abhanden kommt…

 

 

 

 

 

 

Noch kann ich

in einer Bäckerei das Kleingeld

zeitnah herausgeben.

 

Noch finde ich

unter 50 Sachen in der Küche

die Tasse, die ich suche.

 

Noch fallen mir die Worte:

"Herzlichen Glückwunsch" und

"Herzliches Beileid" bei Bedarf ein.

 

Noch weiß ich,

dass es Che Guevara war,

der in Bolivien von CIA Jägern

erschossen wurde.

 

 

 

 

Alte Weinleite

 

Alles ist

gut geordnet

und aufgeräumt.

 

Alles ist

wohl bereitet

 

für den Tod.

 

Wenn nur

das Gras

die Sträucher

die Nächte

 

aufhörten

zu wachsen,

 

Blätter

und Sorgen

abzuwerfen,

 

die sich nicht mehr

zusammen rechen

 

zerstreuen lassen.

​

Alles ist

schlecht bereitet

 

für den Tod.

 

 

 

 

 

Einer

 

der in einem Auto sitzt

als wäre er nicht sterblich

 

sein ewig pumpendes Herz

im nie rostenden Blech

 

Stein,der nicht Sand wird

 

und noch Einer und noch Einer

 

 

 

 

Grab meiner Eltern

 

Die Särge meiner Eltern

können den schweren Grabstein,

auf denen ihr Name steht,

nicht mehr halten.

 

Stein und Erde senken sich,

weil meine Mama und mein Papa

immer schwächer und immer weniger werden.

 

Wie mögen sie nun aussehen?

Wie werden wir bald aussehen?

 

Der Stein braucht ein neues Fundament,

ein Kostenvoranschlag bei einem

Gartenbauer ist schon eingeholt.

    © 2025 Fred Darimont 

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