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Meine Zahnbürste sieht aus

wie ein ausgetretenes Flussbett.

 

Ich könnte es nie betreten.

 

Es wäre leichter,

einen Fuß auf den Mond zu setzen

oder auf einen anderen Planeten,

als auf meine Zahnbürste.

 

Warum werfe ich sie nicht weg,

kaufe mir eine Neue, deren Borsten

wieder unbenutzt wären?

 

Warum verlasse ich nicht

mein ausgetretenes Flussbett,

als könnte ich mir am nächsten Kiosk

einen neuen Morgen besorgen.

 

Fiktiv aus Photographien

von Anführern des Nationalsozialismus

in Deutschland ab 1933

 

Getränke und Gläser,

Hände und Himmel

 

ausschneiden, vergrößern

und auf mehreren A1 Pappen

dicht nebeneinander und auch

ineinander aufkleben.

 

Danach die Pappen

an Schnüren von der Decke

eines hell erleuchteten großen Raumes

in unterschiedlichen Höhen und Entfernungen

voneinander aufhängen.

 

Durch den Raum gehen

und laut sagen:

 

Ihr seid Vergangenheit,

ihr könnt kein Unheil mehr anrichten.

 

Ihr trinkt keine Gläser mehr aus.

 

Mit euren Händen könnt ihr

niemand mehr töten

 

und keine Schäferhunde

mehr auf Unschuldige loslassen.

 

Unter diesen Himmeln

könnt ihr keine Menschen

mehr aufhetzen,

 

dazu bringen, andere zu

demütigen und zu quälen etc.

 

Zum Schluss Münder aus solchen

Photographien ausschneiden, vergrößern

und auf die hängenden Pappen kleben.

 

Zu jedem einzelnen Mund

beim Aufkleben sagen:

 

Du kannst uns keine Befehle mehr

erteilen.

 

Du kannst uns nicht mehr in gut

und böse einteilen.

 

Du kannst nicht mehr entscheiden,

wer leben darf und wer nicht.

 

Auf einer auf dem Boden ausgebreiteten

fiktiven Fläche von 2 mal 2 Metern

eine Décollage erstellen

mit aufgeklebten Seiten von religiösen

und religionsketzerischen Texten

verschiedenster Religionen.

 

Auch profane, banale Texte

aus billigen Unterhaltungsbüchern

auf Supermarkt Tischen mit einbeziehen.

 

Aus den ausgewählten Büchern

Seiten ausreißen.

Ohne eine vorgegebene Ordnung

mindestens zehn verschiedene

Blätterreihen übereinander verkleben.

 

Zu den aufgeklebten Seiten sagen:

 

Ich fange jetzt an, euch wegzukratzen.

 

Daraufhin mit einem Werkzeug

oder mehreren Werkzeugen

eine erste Décollage machen.

 

Die Texte, so wie sie danach zu sehen sind,

teilnahmslos wie ein text to speech

Software Programm

vom linken Décollagerand zum rechten

lesen. Auch unzusammenhängende

Textfragmente lesen.

 

Danach zu den Texten sagen:

 

Ich werde euch jetzt weiter wegkratzen.

 

Erneut eine Décollage vornehmen

und das Lesen wiederholen.

 

Das Décollagieren und Lesen

solange wiederholen,

bis kein Buchstabe mehr zu sehen ist.

 

Danach sagen:

 

Ich habe euch Zeichen nun alle weggekratzt.

 

Die Décollagefläche fiktiv 5 mal mittig falten.

 

Daraufhin sagen:

 

Ich habe dich nun 5 mal gefaltet,

ich habe keine Lust mehr,

mich weiter mit dir zu beschäftigen.

 

 

In der Nacht ist

der Stein nicht gern alleine.

 

Sein Seufzen wird

hoffentlich gehört

von anderen Steinen,

 

vielleicht jünger oder älter,

größer oder kleiner

 

oder noch einsamer.

 

Vielleicht letztlich erhört

von anderen Wesen -

 

zarteren, härteren,

wärmeren, dunkleren,

 

lauteren, versauteren,

fröhlicheren, verboteneren...

 

 

 

Bevor ich gleich schlafen gehe,

durchsuche ich das Zimmer

noch mal gründlich nach Stechmücken.

 

Heute habe ich das Hinterteil

einer Wespe im Salat gefunden.

 

Ich möchte niemals ein Kirchturm

irgendwo in Bayern sein

 

oder ein Puzzleteil,

das irgendwo im Keller liegt.

 

Ich lege mich jetzt schlafen

und hoffe, dass ich keine Mücke

übersehen habe.

Im Fitnessstudio I

 

1

 

Immer möchte man,

dass es nicht rot wird,

kurz vor einer Ampel.

 

Und dann wird es doch rot

oder es bleibt grün,

 

so ist das Leben.

 

Ich fahre in einen Tunnel,

und fahre wieder hinaus.

 

Im Tunnel habe ich mich gefragt,

wie lang der Tunnel wohl ist

 

und dass ich noch etwas

erledigen muss.

 

Aus dem Tunnel raus fahrend

denke ich:

 

Ich wäre gerne

ein großer Greifvogel,

der Diktatoren nachts

in ihren Betten ergreift

und auf einsame Berggipfel trägt,

um sie an meine vielen Greifvogel

Kinder zu verfüttern.

 

Es würde großen Spaß machen,

eine Prioritätenliste von Diktatoren

mit meinem Greifvogelschnabel

zu erstellen.

 

 

2

 

Ich habe noch sieben Minuten

voreingestellte Zeit auf meinem

Laufband.

 

Auf dem Monitor vor mir

gehe ich durch einen neuseeländischen

Regenwald mit hohen Farnen.

 

An irgendeiner Stelle hängt ein

rotes Dreieck an einem Baum,

seine Bedeutung kenne ich nicht.

 

Später durchschreite ich

ein trockenes Flussbett,

treffe dort immer auf den

jungen Mann mit blauen Jeans

und schwarzem Oberteil

mit einer 60er Jahre Frisur.

 

Die Steine des Flussbettes

interessieren sich sicher nicht

für die Kleidungs- und Haarmoden

ihrer virtuellen Besucher,

denke ich jedes Mal.

 

Ich treffe kurz danach regelmäßig

eine Frau, die auf ihren Mann wartet,

der immer irgend etwas fotografieren muss.

 

Gleich wird das Laufband anhalten.

Wie immer macht vorher

eine Gruppe von älteren Männern

mit Haarkränzen Rast.

 

Sie fotografieren

das trockene Flussbett

oder stehen einfach nur rum.

Im Fitnessstudio II

 

Macht eine Pause.

 

Schaut auf

innere Strände,

innere Bänke,

innere Massaker.

 

Beendet die Pause,

setzt die Fitnessübung fort.

1

 

Ein Hemdknopf,

den ich beim Aufräumen

schnell in irgendeine Tasse werfe,

wo u.a. Stifte drin sind.

 

Was wird aus dem Knopf?

 

Vermutlich werde ich ihn

nie wieder zu sehen bekommen.

 

Vielleicht sehe ich ihn doch wieder

bei einer zukünftigen Aufräumaktion.

 

Am unwahrscheinlichsten ist es,

dass ich ihn wieder an das Hemd,

wo er wohl fehlt, annähe.

 

 

2

 

Jetzt habe ich mich schon

so viel mit dem Knopf beschäftigt,

dass ich ihn schwerlich

wieder vergessen werde.

 

Jetzt kann ich ihn auch

aus der Tasse nehmen

einrahmen, an die Wand hängen.

 

Da wo schon so viele

andere Knöpfe hängen.

1

 

Menschen müssen immer

an etwas glauben.

 

Das kann auch ein Punkt

auf einem Blatt Papier sein,

 

nein, nicht jener

sondern genau dieser

im oberen rechten Eck.

 

Ein Punkt nach einem,

vielleicht sogar selbst

geschriebenen Satz.

 

Ein gevierteilter, ein geräderter,

vielleicht tausend mal

auf Knien angebeteter

oder abgeleckter Punkt.

 

Wir halten unser Ohr dicht

an sein feuchtes Antlitz,

versuchen wie Schriftgelehrte,

ihn zu untersuchen.

 

Ein vergebliches Bemühen!

 

2

 

Aus ihm sprüht

in unregelmäßigen Abständen

ein Feuerwerk voll bunter Buchstaben,

 

die sich am Papierhimmel

in prophetische Satzfragmente

zusammenfügen.

 

Manchmal ist auch ein

unheimliches Röcheln

in seinem Inneren zu hören.

 

Ein Röcheln,

das der Phantasie freien Lauf läßt,

was da gerade irgendwo unter

oder hinter ihm passiert.

 

 

3

 

Manchmal möchte man

ihn ausradieren,

doch er erscheint immer wieder.

 

Manchmal möchte man das Papier,

auf dem er sich befindet,

wegwerfen oder verbrennen,

 

aber eine innere oder äußere

Kraft hält einen davon ab,

eine solche Tat umzusetzen.

 

Denn man möchte ja

weiter an etwas glauben.

 

 

 

In der sauna

und anderswo

 

schwitzen muß man

immer alleine

 

auch verdauen

auch stolpern

auch schnarchen

auch aufwachen

auch Zähne putzen

auch scheißen

 

auch schreiben

gewiss immer alleine.

 

 

 

 

Der Goldesel

aus dem Märchen

"Tischlein Deck Dich"

ist zurückgekommen.

 

Nicht nur der Schneidersohn,

die ganze Welt schreit:

 

Bricklebrit !

 

und löst eine Talfahrt

des Goldpreises aus.

 

 

 

 

Heute Nacht

bin ich in einem Traum

sehr lange gelaufen,

einfach nur gelaufen.

 

Ich erinnere mich nicht mehr

von wo ich losgelaufen bin

und wohin ich laufen wollte.

 

Ich erinnere nur dieses Laufen,

es könnte überall in der Welt

oder auf anderen Planeten

oder in einem Computerspiel

gewesen sein.

 

Wow! So lange zu laufen,

ohne ins Verschnaufen zu kommen!

 

Beim Aufwachen am Morgen

bin ich ganz erstaunt,

bleibe noch eine Weile im Bett,

schwerfällig, schwerfüßig,

das Gegenteil von mühelos.

 

Ich habe Gewicht angesetzt

im Laufe der letzten Jahre,

ich nehme schon Tabletten

gegen Bluthochdruck und Gischt.

 

Ich müsste auch Vitamintabletten nehmen,

die ich schon gekauft habe im Internet,

aber noch nicht benutze.

 

Vielleicht weil ich irgendwie daran glaube,

dass Vitamine von selber zu mir kommen

über Sonne und Songs.

 

Ich habe nicht mehr ewig zu leben,

zehn, vielleicht fünfzehn, zwanzig Jahre.

 

Und jetzt heute Nacht dieser Lauf

ohne jede Beeinträchtigung.

Ich hätte mehrmals um die Erde

laufen können oder bis zum Mond,

wenn man dorthin laufen könnte.

 

In diesem Traum war ich allerdings

auch ohne jegliche Identität,

ohne Geburtsort, Eltern,

ohne geliebte Menschen.

Ich war einfach nur dieser Lauf,

frei von physischer Erschöpfung.

 

Wenn das Leben

ein solcher Lauf wäre,

nur dieser Lauf.

 

Was für ein Glück!

was für ein Unglück!

 

Ich bleibe noch eine Weile liegen,

stehe dann auf ,

 

ein neuer Tag.

 

 

 

 

Karten spielen.

Tag und Nacht Kartenspielen.

 

Verschiedensten Spiele:

Skat, Bridge, Canaster etc.

 

Spielerhände,

die kleiner und größer werden.

 

Karten,

die kleiner und größer werden.

 

Gespielt von Wichten und Riesen.

 

Lachen und Fluchen,

auf Tische klopfen,

Gewinn und Verlust.

 

Karten,

die im Laufe der Zeit,

mit sich selbst spielen .

 

Die sich paaren können.

Singende, stotternde Karten,

verliebte, charmante

betrügerische Karten.

 

Landschaften voller Karten

die morgens herumhängen

oder noch schlafen,

 

mit kleinen atmenden Karten

in ihren Kartenhänden.

 

 

 

Die erste Kastanie

in diesem Herbst,

die ich im Vorbeigehen

unter einem Baum finde.

 

Was ist heute,

an diesem Herbsttag,

von meinen Ästen

heruntergefallen?

 

 

 

 

Zahlen,

rauf und runter laufende,

am Zahlenhimmel betrachten.

 

Die in besonderen Momenten

aussehen wie Sternbilder,

 

oder besser:

Stern-Kauderwelch Bilder.

 

Sie bitten, näher zu kommen,

einem den Rücken zu kratzen,

 

einem einen Gute Nacht Kuss

zu geben,

 

ein Überraschungsfrühstück

zuzubereiten.

 

Man kann zuschauen,

wie schnell sie sich verteilen

in der Wohnung und darüber hinaus.

 

Wie sie hinein- und hinausspringen

aus Suppen und Pfützen,

 

wie sie Buchstaben auf Werbetafeln

in Nachbarstraßen dumm anquatschen,

 

Fragen stellen wie:

"Hast du einen Freund?"

 

Wie sie Liederhefte durchblättern

und Donovan Songs singen

mit ihren Zahlenkehlen.

 

Wie soll man es dem Leser

glaubwürdig vermitteln,

wie sie singend rauf laufen

auf dem Zahlenhimmel

und fluchend runter laufen.

 

Wie sie sich selbst rupfen,

verprügeln, demontieren,

bis ihre ursprünglichen Zahlen

nicht mehr erkennbar sind.

 

Und weil sie schon immer

notorische Lügner waren,

darf man ihnen nicht glauben,

wenn sie etwa behaupten,

sie seien früher eine 7 oder 9

in dem und dem Sonnensystem

gewesen.

 

Wie sie mittlerweile herumliegen

in großen Bierhallen auf nassen Fußböden.

 

Man muss sie zusammenwischen morgens,

bis kein Bier- und Buchstabengestank

mehr zu riechen ist.

    © 2025 Fred Darimont 

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