Erde und Himmel
Regelmäßig am Tag ziellos
auf den Boden schauen.
Die Landschaften und Collagen
von zufällig angeordneten Dingen
ruhig betrachten, einen Ausschnitt wählen,
diesen fotografieren.
Danach den Blick zum Himmel richten,
diesen betrachten, einen Ausschnitt fotografieren.
Die beiden Fotos als zusammengehörig ansehen. Jeden Tag mehrere solcher
Foto Paare erstellen.
Die Erdfotos im Garten auf den Boden
legen, die Himmelfotos an Wäscheleinen hängen.
Die Fotos der Witterung aussetzen.
So geht das schon seit vielen Jahren.
Beim Lesen des Buches:
"Mr Fluxus - Ein Gemeinschaftsporträt
von George Macunias 1931 - 1978"
Sterben
1
Letzte ausgesprochene Worte
im Leben von Künstlern, Philosophen
oder unbekannten Menschen
zusammentragen.
Diese Worte und Buchstaben
in einer fiktiven Landschaft aufstellen,
hinlegen.
Eine leicht abfallende felsige Landschaft,
die sich gut begehen lässt.
2
Die Lettern bewegen sich
in dem Gelände in den Geschwindigkeiten
von Stunden, Minuten und Sekundenzeigern
einer Uhr.
Vorsicht bei den Sekundenlettern:
sie haben schon Besucher umgestoßen
und verletzt.
3
Die Lettern lassen sich füttern
mit Grabblumen, die man
im Eingangsbereich kaufen kann.
Einige Lettern haben im Laufe
der Zeit ein Fell bekommen.
Somit ist das Gelände
auch für Kinder interessant
als Streichel - Zoo.
4
Neben den Buchstaben
ist eine besondere Attraktion
der 30 minütige Loop eines
Sonnenuntergangs am Horizont,
der das Gelände zweimal in der Stunde
Abend werden lässt.
5
Überall in der Landschaft
sind kleine Holzhütten aufgestellt,
wo Besucher ihre eigene Todesstunde
alleine, mit Familienmitgliedern
oder mit Freunden inszenieren können.
Das Ziel ist natürlich,
Klarheit darüber zu bekommen,
was im Leben noch zu erledigen ist.
Das Mieten der Hütten muss wegen
der großen Nachfrage Monate
vor dem Besuch gebucht werden.
Wer das Geld hat, kann einen
erfahrenen Therapeuten mit buchen.
6
Sonst noch was?
Ach ja.
Auf dem Gelände treffen zwei
sehr unterschiedliche Gruppen aufeinander:
Die einen kommen zur Unterhaltung
in einen exotischen Freizeitpark.
Die anderen wollen sich ernsthaft
mit ihrem Leben, ihrem Sterben
auseinandersetzen.
7
Ernsthaft Suchende
regen sich darüber auf,
dass in der Landschaft
mit hohem finanziellen Aufwand
diese Buchstaben herumlaufen.
Überall im Gelände finden sich
auch defekte Buchstaben,
die repariert werden müssten.
Die Reparaturen sind teuer,
Geld, das man sich sparen könnte,
denken die ernsthaften Sucher.
8
Für Touristen sind die wilden Todeslettern
neben dem Sonnenuntergangsloop
die wichtigste Attraktion.
Sie würden nicht mehr kommen,
wenn der Park zu sehr zu einem
Gedenkfriedhof verkommen würde.
Sie wünschen sich auch Aufenthaltsorte
mit Gastronomie auf dem Gelände.
9
Die Geschäftsleitung erarbeitet
gerade ein neues Nutzungskonzept,
in der den ernsthaft Suchenden
ein eigenes abgetrenntes Gelände
zugewiesen werden soll.
Dann könnte der Freizeitpark
massiv ausgebaut werden,
um auch Busse anzulocken.
Unser großer Bürokopierer
Wenn ich den Deckel öffne,
sehe ich unter einer Glasscheibe
seine Kopierorgane, seine Blutbahnen,
seine Seelenlosigkeit.
Es fällt schwer, mir vorzustellen,
ich würde dort leben und lieben.
Meine Augen müsste ich
an Werktagen sehr beschützen,
wenn die Büromenschen
zum Kopieren kommen.
Und dann die langen Wochenendnächte!
Auf dem hässlichen Alu - farbenen Feld
könnte ich versuchen, Entspannungs-
und Fitnessübungen zu machen.
Hinter einem bunten Kabelstrang
könnte ich gute Bücher lesen
und ein Tagebuch schreiben.
Der Himmel würde mir
sicher am meisten fehlen.
Ich könnte ja immer nur kurz aufschauen,
wenn der Deckel geöffnet wird,
um eine Kopie hineinzulegen.
Dann schnell Schutz suchen
vor dem GROSSEN LICHT,
das mich immer schmerzlich
an die Sonne erinnert.
Und die Liebe?
Wie sollte ich es anstellen,
hier eine Gefährtin zu finden,
die sich das mit mir und
dem ganzen Drumrum antun wollte?
Ich bliebe alleine,
würde elendig versauern
in diesem Kopierkaff.
Wie komme ich
aus der Nummer wieder raus?
Bis zehn zählen,
Augen fest zumachen
und raus…
1
Wenn ich ein
Flaschen Schraubverschluss wäre,
könnte ich mich so schön drehen.
Ich wüßte allerdings nie genau,
wann mein Besitzer Durst hat
und mich öffnet.
2
Leider habe ich schlechte Augen.
Ich sehe meinen Besitzer
nur sehr verschwommen,
wenn er in meiner Nähe hantiert.
Ich kann nie genau sagen,
wann seine große Hand
mich nimmt und dreht.
Das passiert immer unverhofft.
3
Wenn er mich dann dreht,
lasse ich einfach alles los,
alle Sorgen und Hoffnungen
eines Schraubverschlusses,
und drehe mich
wie ein Sufi Tänzer,
erst hin
und später zurück.
4
Ich bin danach
immer etwas erschöpft.
Brauche die Zeit
bis zum nächsten Durst,
um mich neu zu sammeln.
Manchmal
ist mir auch schwindlig.
Gott sei Dank können
Schraubverschlüsse nicht kotzen.
Politisches Manifest
Mit einem Recorder an öffentlichen Orten
wie Bussen, Zügen, Supermärkten, Kneipen,
Cafés, Spielplätzen jeweils zehn Sekunden lang 100 Audioaufzeichnungen von
Gruppen- und Zweiergesprächen machen.
Die Aufzeichnungen der Reihe nach nummerieren und durch ein Losverfahren die Reihenfolge willkürlich ändern.
Sie dann in der ausgelosten Reihenfolge
zusammenschneiden.
Die Aufzeichnungen mehrmals hintereinander
anhören.
Sich dabei auf dem Boden legen und sich intensiv auf das Gesagte und auf die Geräusche im Hintergrund konzentrieren.
Sich die ganze Zeit fragen, welche gesellschaftlichen, politischen und privaten Ziele die beteiligten Menschen
wohl anstreben und welche Gesetzes-änderungen und Maßnahmen sie wohl
als positiv in ihrem Leben empfinden
würden.
Diese Maßnahmen so detailliert wie möglich
aufschreiben und ein politisches Manifest
daraus formulieren.
Eine Partei gründen, die dieses Manifest
in die Praxis umsetzen will.
Anmerkung:
Beim Verlesen des Manifestes durch Parteimitglieder sollten immer Hintergrund-geräusche der Ursprungsaufzeichnung zu hören sein.
Es ist durchaus politisch gewollt,
dass sich diese mit den momentanen
Hintergrundgeräuschen beim Verlesen
des Manifestes vermengen.
Jeden Werktag Abend ein Blatt Papier
mit einem darauf geschriebenen Wort
vor eine Videokamera halten.
Eine Minute lang.
Jeden Tag ein ausgewähltes Wort.
Keine Wiederholungen.
An Wochenenden jeden Abend
einen ausgewählten Satz
in die Kamera sprechen.
Den Satz eine Minute lang
wiederholen.
Sich jeden Abend vorher
eine halbe Stunde lang zurückziehen,
um das Tageswort bzw. den Tagessatz
auszuwählen, aufzuschreiben,
auszusprechen.
Die Nummern von Auschwitz
Recherchen anstellen über nach Auschwitz deportierte durchnummerierte Häftlinge. Dabei u.a. in Erfahrung bringen, dass nur die Deportierten mit Nummern erfasst wurden,
die nicht gleich nach Ankunft in die Gaskammern kamen.
Nach der Recherche sich begrenzen auf die allgemeine Nummernserie von 1 bis 202499 überwiegend jüdischen Männern zwischen Mai 1940 und Januar 1945.
Die Nummern sauber, bei 1 beginnend, mit einem Bleistift in Rechenhefte für Grundschüler eintragen, als handele es sich um eine besondere Hausaufgabe oder eine Strafarbeit
wegen Unachtsamkeit im Unterricht.
Hinter jeder Nummer ein Rechenkästchen freilassen. Schlecht geschriebene oder fehlerhafte Zahlen sofort ausradieren und verbessern.
Den Vorgang des Aufschreibens ohne Unterbrechungen filmen. Die Kamera bleibt dabei immer fokussiert auf das jeweils
aufgeschlagene Rechenheft.
Bei Schreibpausen, selbst wenn diese Stunden, Tage, Wochen oder gar Jahre andauern, die Kamera immer eingeschaltet
lassen.
Abends oder nachts bei künstlichem Licht weiterarbeiten. Bei Pausen das Tageslicht bzw. die Dunkelheit der Nacht auf dem aufgeschlagenen Rechenheft kontinuierlich filmen.
Vor Beginn die technischen Voraussetzungen dafür schaffen, dass kein Wechsel eines Daten- oder Energieträgers eine
Filmunterbrechung erforderlich macht.
Vor Beginn auch dafür sorgen, dass genügend Rechenhefte und Stifte bereitliegen.
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Das Gottesengel Wunder
Ein riesiges 100 x 100 Meter großes Tuch anfertigen lassen.
Das Tuch mit allen Abbildungen von göttlichen und weltlichen Engeln sowie aller Vogelarten der Welt bekleben, bedrucken, besticken, bemalen, besprühen, betuckern.
Das Tuch mithilfe von gigantischen Kränen
zum Himmel aufsteigen lassen.
Und siehe da: die weltlichen Engel und
Vögel bleiben am Tuch hängen, während
die göttlichen Engel sich vom Tuch lösen
und zum Himmel auffliegen.
Wer Augen hat zu sehen, der sehe, was er sehen möchte.
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Die Seite einer Tageszeitung
1
Von der weltpolitischen Seite einer Tageszeitung alle Buchstaben ausschneiden und diese auf einer weißen Seite derselben Größe wie am Ursprungsort ablegen.
2
Die Buchstaben schrittweise immer weiter entfernt vom Ursprungsort platzieren.
Zunächst nicht über die Ränder der jeweiligen Artikel hinaus.
Sie in weiteren Schritten in benachbarte
Artikel"wandern lassen" als wären es Käfer, von denen jeder einen Buchstaben auf dem Rücken trägt und damit herumläuft, wie er will.
Dabei können die Buchstaben zeitweise
auch übereinander liegen, so wie auch
Käfer manchmal übereinander liegen. Sie müssen auch nicht mehr die Zeilenregeln beachten, können in jede Richtung gedreht liegen.
Den Buchstaben zu einem späteren Zeitpunkt auch die Gelegenheit geben, sich über die Zeitungsseite hinaus zu entfernen und auszubreiten. Zunächst auf dem Tisch,
dann im Zimmer, in der Wohnung,
im Haus, im Stadtteil etc.
3
Alle 10 Minuten ein großformatiges Foto der Zeitungsseite machen, bis diese frei von Buchstaben ist. Auch Fotos von Buchstabengruppen außerhalb der Zeitung
an anderen Orten der Wohnung machen.
Die Aktion beenden, wenn sich keine Buchstaben mehr in der Wohnung finden lassen.
4
Eine Ausstellung mit den jeweiligen großformatigen Fotos der Zeitungsblätter
sowie der Buchstabengruppen außerhalb
der Zeitungsblätter vorbereiten.
In den Räumlichkeiten der Ausstellung eine mehrteilige Lesung veranstalten, in der aus den jeweiligen Zeitungsblättern gelesen wird.
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Bis zum letzten Blatt, auf dem sich noch
Buchstaben befinden.