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AUFZUG KOMMT,

behauptet Aufzug,

aber Aufzug kommt nicht:

Aufzug geht.

 

Aufzug lügt,

wenn Aufzug behauptet:

AUFZUG KOMMT,

wenn Aufzug in Wirklichkeit geht.

 

Aber Aufzug

behauptet weiterhin:

AUFZUG KOMMT

obwohl Aufzug

keine Anstalten macht

zu kommen.

 

Jetzt hört Aufzug

auf zu gehen,

jetzt bleibt Aufzug stehen.

 

AUFZUG KOMMT,

behauptet Aufzug weiterhin,

aber Aufzug kommt nicht:

Aufzug steht.

 

Aufzug lügt,

wenn Aufzug behauptet:

AUFZUG KOMMT,

wenn Aufzug in Wirklichkeit

steht.

 

Aber Aufzug

behauptet weiterhin:

AUFZUG KOMMT,

obwohl Aufzug

keine Anstalten macht

zu kommen.

 

AUFZUG KOMMT,

behauptet Aufzug weiterhin

und tatsächlich macht Aufzug

jetzt Anstalten zu kommen.

 

Jetzt sagt Aufzug

endlich die Wahrheit,

wenn Aufzug behauptet:

AUFZUG KOMMT.

 

Jetzt ist Aufzug

tatsächlich im Begriff

zu kommen.

 

Jetzt wird Aufzug

gleich kommen.

 

Jetzt ist Aufzug

endlich gekommen.

 

 

 

 

Bei einem Spaziergang

im Hafen von Rotterdam

entdecke ich einen Plastikbeutel,

der sich schneeweiß und wohl

von Nacht, von Wind überrascht

in einem Baum verfangen hat.

 

Behutsam befreie ich ihn

nehme ihn mit nach Hause.

 

 

 

 

 

in einer stadt wie dieser

darf man nicht erwachen

man müsste sofort weinen

und könnte nicht mehr

aufhören

 

in einer stadt wie dieser

darf man nicht erwachen

man müsste sofort weglaufen

aber wohin könnte man laufen?

 

mal mir ein bild sunita

mal mir ein schönes bild

mit deinen kleinen händen

 

ich werde dein bild bei mir tragen

und wenn ich einst erwache

wird es mir den weg zeigen.

 

 

 

 

 

Das Leben schützen

 

den Tag und die Nacht,

den Wind und den Stein,

den Atem, die Wurzel,

den Stern und den Vogel,

den Schatten des Vogels.

Das Feuer, das Wasser,

das Ufer des Wassers,

den Schlaf und den Traum,

den Träumer

 

seine Kinder und Kindeskinder.

 

 

​

​

so gerne möchte ich jetzt

neben dir liegen

über irgendwas schwatzen

 

die möglichkeit mit dir

jederzeit zu schlafen

und es nicht zu tun

 

und es zu tun

wieder und wieder

 

um danach

wieder und wieder

über irgendwas zu schwatzen

 

 

 

 

ein träumer

auf der flucht

vor den traumabschneidern

 

eine polizeistreife

überprüft gerade seine personalien...

 

 

 

 

heute bin ich tot

vielleicht eine kleinigkeit

wie das rascheln

der blätter in wind

oder das öffnen

einer konservendose

oder auch nur

das aufschreiben von worten

wie: tot wind konservendose

vielleicht das eine wort: wort

kann mich wieder lebendig machen

 

 

 

 

man hat es ihm nicht angemerkt

daß er rausfallen würde er machte

eigentlich immer einen robusten

durchaus sebstsicheren eindruck

manchmal allerdings war er schon

irgendwie komisch als wenn was

nicht ganz in ordnung wäre aber

niemand wäre auf die idee gekommen

dass er irgendwann rausfallen würde

 

 

 

 

 

Bonner Sonntag

 

Wäscht sich an Springbrunnen

des Fürsten Max Friedrich.

 

Und alle Leute schauen hin,

weil er so dreckig aussieht,

Haare hat wie ein Neandertaler,

die Plastiktüten abgestellt

unter den lateinischen Lettern.

 

Ein Fotograf sieht das Motiv.

Doch ehe er abdrücken kann,

hat sich unser Neandertaler

wieder fortgemacht.

 

 

 

 

Ein alter Kastanienbaum

am Straßenrand

eines modernen Frühlings.

 

Der sich an seine Kindheit

im Wald erinnert.

 

Bäume

können sich nicht erinnern.

 

 

 

 

 

Die Kinder spielen

Cowboy und Indianer.

 

Die Indianer gewinnen,

damals haben die andern

gewonnen

 

 

 

 

Dieser Tag:

ich hab mein Leben

darin verbracht,

ihn doch nie gesehen.

 

Dieser Tag:

ich hab seine Stunden

nie gehört,

lautlos ist er an mir

vorüber geschlichen,

 

verschlafen hab ich

ihn restlos.

 

 

 

 

 

 

für Sascha

 

Warum schlägst du den Käfer

mit deinem Stock?

 

Weil er mich nicht stören soll,

wenn ich mit dem CAPTAIN spreche.

 

Warum schlägst du die Blume

mit deinem Stock?

 

Weil sie mich nicht ablenken soll,

wenn ich die Zauberin küsse.

 

Warum schlägst du die Sonne

mit deinem Stock?

 

Weil sie mich nicht blenden soll,

wenn ich mit meinem Schatten kämpfe.

 

Warum schlägst du mich

mit deinem Stock?

 

Weil du mir auf die Nerven gehst

mit deinen blöden Fragen.

 

 

 

 

 

In der letzten Straßenbahn

 

Was für ein

babylonisches Stimmengewirr

 

(japanisch, spanisch, deutsch

türkisch, italienisch).

 

Mit unseren Stimmen

baun wir mal eben

 

einen riesigen Turm

in den Nachthimmel,

 

einen Turm der auch jetzt

auf dem leisen Weg nach Hause

 

nicht einstürzen will.

 

 

 

 

AUTOS ALLER LÄNDER
VEREINIGT EUCH!

 

Dies ist nicht die Sonne,

sondern der Mond,

der frische Duft

unter den Achseln des Mondes

bei einer Spritztour durch die Nacht,

aufgescheucht wie das Wild.

Dunkles Wild.

 

"Zwischendurch

sind wir nach Hause gefahren,

aber da war nichts los,

also sind wir wieder losgefahren..."

ins SPEKTRUM, ins OFF,

ins BIG APPLE

oder auch einfach nur

in den Tod.

 

Dies ist nicht der Mond.

Sitze mit L. auf einer Bank

und betrachte die Sonne, die sich

auf einem parkenden Auto spiegelt.

"Was ist das für ein Auto?"

frage ich sie aus Verlegenheit.

Sie antwortet mir nicht mehr,

steht auf und geht fort.

"WAS IST DAS FÜR EIN AUTO?"

rufe ich ihr nach.

 

 

 

 

Nachruf auf Frau M:

 

In den letzten Jahren

hatte sie ihre Wohnung

kaum noch verlassen.

 

Ein paarmal

traf ich sie im Hausflur.

Sie galt als menschenscheu,

kurz vor ihrem Tode jedoch

klingelte sie bei einer Nachbarin.

 

Beim Entrümpeln fand sich

unter dem üblichen Krimskrams

ein Schrank voll Rätselhefte,

wie man sie an jeden Kiosk

kaufen kann

 

 

 

 

 

 

 

.zu

 

 

* *          *                    *

                          * *

                   ***  *

* *           *                    *

* *       ***    *

 

* *          *                *

    *    *                       *     *

           * *

                           * *

 

 

den

rauchend

und schau

auf den balkon

ich raus

drum geh

verboten

und rauchen

keine nacht

kein himmel

ist

drinnen

 

 

 

 

 

Auf einen Fahrscheinentwerter am Alex

hat jemand geschrieben:

 

RETTET DIE ERDE!

 

Ich sage zu mir:

habe einen Fahrschein zu entwerten

und nicht die Erde zu retten.

 

Oder doch?

Habe einen Fahrschein zu entwerten

und auch die Erde zu retten.

 

Aber wie kann ich die Erde retten?

Weiss einen Fahrschein zu entwerten,

aber weiss nicht, wie man die Erde rettet.

 

 

 

 

Du Idiot!

Wir müssen zur Arbeit

und du hälst den ganzen

Verkehr auf mit deinem Getue.

Was hast du überhaupt

gegen das Leben?

Eine Tracht Prügel und Arbeit

würden dich schnell kurieren...

 

 

(Passanten zu einem Lebensmüden

auf der Kölner Severinsbrücke)

 

 

 

 

 

trunken

in jede

 

deiner poren

fallen

 

und lallen:

 

LASS MICH

TRINKEN

 

DEIN HAAR

RAPUNZEL!

 

 

 

 

In einer U-Bahn auf dem Weg nach Pankow:

zwei Kinder, die sich an die Schulter

ihrer Mutter gelehnt haben.

Das Kind an der rechten Schulter

fängt an zu gähnen.

In diesem Moment entsteht

die Figur eines menschlichen Altars.

Das Kind an der linken Schulter

stimmt das Lied an:

"Wo ist die Kokosnuss?"

 

 

 

 

Ein Kind zu einem anderen Kind:

 

Du hast Beine wie ein Huhn,

nein, wie ein Elefant,

nein, wie eine Gans.

 

Das andere Kind

schaut auf sich herab

und lacht.

 

 

 

 

Immer wenn ich

bei dir scheißen geh,

schau ich auf eine weiße Tür.

 

Aber erst heute,

wo sich 2 Amseln

hinter mir im Hof

lautstark streiten,

ist sie mir aufgefallen:

die weiße Tür.

 

 

 

 

Sitzen sich zwei gegenüber

in einer Straßenbahn

um MItternacht

 

Du gefällst mir

sagt sich die Frau

 

Du gefällst mir auch

sagt sich der Mann...

 

Fast eine halbe Stunde

ein halbes Leben

 

hatten wir Zeit

was draus zu machen

 

aber wir haben es

komplett vermasselt

 

und müssen nun alleine

nach Hause durch den Wind

 

​

​

​

Ein Spatz

hüpft im Hof herum,

ein Herbstblatt

in seinem Schnabel.

 

Was mag ein Spatz

nur anfangen

mit einem Herbstblatt

in seinem Schnabel?

 

Das scheint sich der Spatz

jetzt auch zu fragen,

hält an, verdreht seinen Kopf.

 

Lässt schließlich fallen

das welke Blatt,

um sich weltlicheren Dingen

zuzuwenden...

 

 

 

 

In einer Fußgängerzone

 

Ein Mann,

der unglücklich aussieht,

geht an mir vorüber.

 

Kann nichts für ihn tun,

kann ihm nur nachschauen

in einem Morgenlicht,

das Lahme wieder gehen,

Blinde wieder sehen lässt.

 

Jetzt sieht auch das Morgenlicht

den unglücklichen Mann,

kann nichts für ihn tun,

kann ihm nur nachschauen.

 

 

 

1

vor einem pissoir

 

ein dumpfes rauschen

von Motorengeräuschen

die nur der hört,

der zutiefst inne hält.

 

ein feierlich dumpfes rauschen,

das man nie vergessen wird,

 

bis einem der nächste pisser

auf die schulter klopft: alles ok.?

 

2

und wieder

diese motorengeräusche

 

wie im halbschlaf

auf einem langstreckenflug

 

3

wir sind jedoch an land geblieben,

sind nicht weit gekommen,

um etwas von uns zurückzulassen,

 

gerne möchten wir heimkehren

beim geräusch dieser maschinen

 

 

 

​

Berlin Erster November 89

 

Unaufhörlicher Regen.

Und was die Dekorateure

an Schaufensterlaub

nicht gebraucht haben,

treibt ein kalter dunkler Wind

durch die Straßen und Gassen.

 

Heute sind wir beide unglücklich,

wenn auch aus verschiedenen Gründen.

Später heißt es im Radio:

die Parkhäuser seien überfüllt

gewesen von Schaulustigen.

 

Beim Abschied fragst du mich,

warum ich mir das

mit den Parkhäusern notiert habe -

weil es sich vielleicht noch brauchen lässt

in einem Gedicht...

 

 

 

flatrate gebet

 

welche wege

soll ich gehn?

 

alle wege

begangen

 

begangen

kein einziger weg

 

 

 

​

kirschblüten im 1. weltkrieg

 

sie schießen nicht zurück

wenn auf sie geschossen wird

 

wollen sich nicht

von ihrer kurzen

 

aufblühenden schönheit

ablenken lassen

 

 

 

für ernst toller

 

wie er die tiere

beschützen will,

sie anführen will

gegen die menschen,

letztlich gegen sich selbst.

 

schnell atmende

verlorene gestalten

hinter den freizeitmonitoren,

den radiojahren,

 

und noch viel weiter dahinter.

 

 

 

 

 

Bahlsenfrühling an einem Herbstabend

 

Kurze Tage.

 

Weil es schon wieder dunkel wird,

hat man die Frau im Grünen

und den dazugehörigen Sonnenschein

an der Reklamewand erleuchtet.

 

Regen.

 

Regentropfen laufen an ihr herunter.

Macht nichts. Sie sitzt im Trockenen.

 

 

 

 

 

 

 

​

    © 2025 Fred Darimont 

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