Sich desorientieren
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1
Schriften in einer städtischen Passage
nicht mehr nach Bedeutungen
und Inhalten lesen.
Nur noch einzelne Buchstaben
und Zahlen auswählen,
Teile von Buchstaben und Zahlen.
Von Passanten kleine Teilbereiche
wie Hemdknöpfe, Ohrläppchen,Schnürsenkel,
den Fingernagel eines Daumens,
kurze Hand- und Kopfbewegungen
auswählen.
Von den Stühlen und Tischen,
den Dekorationen der Warenwelt,
z.B einen roten Balken,
den Henkel einer Tasse,
den Fleck auf einer Tischdecke,
eine Wolke am Himmel
auswählen.
Sich auf eine Bank setzen.
In der Vorstellung Collagen
daraus erstellen.
2
In einem zweiten Schritt
den Dingen andere Bedeutungen
geben.
Ein B wird ein Räuspern,
ein Schultaschenverschluss
wird eine Tischlampe,
eine 11 wird ein Hundefell.
3
In einem dritten Schritt das,
was vorgibt, einen zutiefst auszumachen,
übermalen, ausschneiden, verfremden:
die Mutter wird ein weglaufendes Tier,
der eigene Name wird eine Fliege am Fenster,
die Kinder Straßenlaternen im Vorbeifahren.
4
Sich Zeit lassen.
Sich viel Zeit lassen dabei.
Eine Stunde.
Einen Tag.
Einen Monat.
Länger.
5
Danach anfangen,
sich wieder zu orientieren.
Sich auch hier Zeit lassen,
bis die Welt allmählich zurückkehrt:
Name, Eltern,Schuhgröße,
erster Schultag,erster Kuss,
usw.
Teile von Alltagsgegenständen
wie eine halbe Nagelschere,
der Henkel einer Porzellantasse,
Reste einer Deckenlampe,
ein Mehrfachstecker,
lebten auf einer fiktiven Insel
schon seit langer Zeit.
Ach wie groß die Sehnsucht
wieder ganz zu werden.
Als Schere und Tasse,
Lampe und Stecker
nach Hause zurückzukehren.
....
Unter den Menschen
gibt es nur ganz wenige,
die ausgedienten Dingen
Obdach gewähren.
Sie nicht wegschicken.
Auf der Insel
werden sie als Wohltäter
verehrt.
....
Insbesondere einer,
der schon seit Jahren
zwei halbe Nagelscheren
in seinem Toilettenschrank beherbergt.
Sie manchmal herausnimmt,
zusammenfügt.
Ihren Scheren - Geschichten lauscht..
Alle Tage
wären in Häute tätowiert.
Alle Tage
wären auf Plastikmüll gepresst.
Alle Tage wären
in Morgentau gehaucht.
....
Alle Tage
spielten alle ihre Tage in den Bäumen
eines riesigen fiktiven Waldes.
Jeder Baum wäre
ein vergangener Tag in einem fiktiven
zu Ende gehenden Leben.
Jedes, wirklich jedes Detail
würde täglich erneut aufgeführt.
So viele Darsteller und Szenen
auf Blättern, Nadeln, Rinden,
Ästen, Wurzeln, Wegen.
Ein Wald, dem täglich
ein neuer Baum wüchse.
....
An seinem Waldrand jetzt stehen.
Lauschen dem Theaterlärm.
Dem Zeitvergehen.
...
Alle Tage
wären betrunken gröhlende Staubkörner.
Alle Tage
wären grau wachsende Nasenhaare.
Alle Tage
wären gefeuerte und eingestellte
WaldschauspielerInnen.
1
Zentrale religiöse Bücher
wie Bibel, Koran, die Bhagavadgita,
die Sutras des Buddha etc.)
in digitalen Ebenen übereinanderlegen.
Sie vermengen mit profaner Literatur:
mit 4 Groschenromanen (Horror, Science Fiction,
Ärzte, Adel)
mit 4 pornographischen Klassikern
(z.B. Casanova, Boccaccio, Marquis de Sade,
Henry Miller).
2
Ausschnitte daraus so vergrößern
und auf festem Papier ausdrucken,
dass sie den Fußboden
eines 5 x 5 Meter Raumes bedecken.
3
Sich in diesem Raum in jeder
möglichen Form bewegen
und nicht bewegen,
angeregt von den heiligen
und weniger heiligen Schriften,
bis das Papier abgenutzt,
gerissen, zerfetzt ist.
Dies kann ein paar Minuten dauern
oder auch Tage und Wochen.
Mehrere Standkameras
zeichnen die Performance auf.
Sie kann in Echtzeit
an verschiedene Orten
der Welt übertragen werden.
Etwas tun
Aus einem Geschäft kommen.
Tauben auffliegen lassen.
Ein Busticket kaufen.
Einen Sitzplatz suchen.
Die Beine überschlagen.
Aus dem Fenster schauen.
Die Zehen in einem Schuh
bewegen.
Sich an einem Ohr kratzen.
Sich an etwas erinnern.
Einen Reißverschluss öffnen.
In einer Tasche etwas suchen.
Den Hinterkopf eines Mannes
betrachten.
Einen Halteknopf mit der Aufschrift
"Haltewunsch" drücken.
Tiefer als sonst ausatmen.
Langsamer als sonst aussteigen.
Zerstreuungen
Wenn man sich erst mal
durch das blaue Schnitzel gebohrt hat,
erscheint ein großer wolkiger Wald.
Darin muss man sich drei Tage lang verirren,
bevor man die Kastanie der Liebe findet.
Man hebt sie vorsichtig,
ihr Ventil suchend, vom Boden auf.
Einen ganzen Tag lang
muss man in das Ventil blasen,
um die Kastanie fast unmerklich
zu vergrößern.
Wochenlang in das Ventil blasen,
bis die Kastanie so groß ist,
dass man sie durch eine Tür
betreten kann.
Darin befindet sich
ein dunkler Raum, in deren Mitte
ein beleuchtetes grünes Schnitzel
und ein Bohrer zu finden sind.
Wenn man sich erst mal
durch das grüne Schnitzel gebohrt hat...
Ein Wort
in einen Eimer tunken.
Einen Satz mit zwei Wörtern
in einem Schuh verstecken.
Einen Satz mit drei Wörtern
aus einem fahrenden Auto werfen.
Einen Satz mit vier Wörtern
in hundert Teile schneiden.
Einen Satz mit fünf Wörtern
in einem Brot mit backen.
Einen Satz mit sechs Wörtern
irgendwo im Haus verlieren.
Einen Satz mit sieben Wörtern
als Lesezeichen benutzen.
Einen Satz mit acht Wörtern
im Garten untergraben.
Einen Satz mit neun Wörtern
mit den Morgentabletten runter schlucken.
Einen Satz mit zehn Wörtern
gar nicht erst schreiben.
Auf dem Weg zum Bahnhof
in ein Fenster schauen:
Was ist wohl aufbewahrt
in dem blauen Ordner
auf dem Regal über der Heizung?
Zum Beispiel auf der Seite 100?
Rechnungen vermutlich.
Weniger wahrscheinlich:
Zaubersprüche, die Diktaturen
in Demokratien verwandeln,
oder die Menschheit
vor Kriegen beschützen.
Und die Lampe an der Decke:
könnte man nicht stattdessen
ein Stück Rasen hinhängen,
den man regelmäßig gießt
und monatlich mäht.
Damit dort kleine,
auf dem Kopf stehende Wesen
für ihre Rechte demonstrieren
können.
Am besten ein Loch bohren
in die Wand gegenüber.
So groß,
dass der eigene Kopf durchpasst.
Auf der anderen Seite
laut etwas schreien,
bis einem die Stimme versagt.