top of page

 

Zarter Farn.

 

Wenn ich

so zart sein könnte

 

zu meinen Mitmenschen,

zu mir selber.

 

Zarter Farn.

 

Ich weiß nicht mal,

wie du heißt,

an was du glaubst.

 

Zarter Farn.

 

Du bist so anders

als die Panzer,

 

die gerade

die Ukraine überfallen.

 

Zarter Farn.

 

Du gehorchst

nur dem Befehl,

 

Farn zu sein.

 

 

 

 

 

 

Ihr untergegangenen Völker

 

Eure Wut euer Weinen,

eure Schreie eure Kinder

eure Hilferufe euer Sterben

unter den Sternen

 

Wenn unsere Zeit gekommen

mit dem Untergehen:

 

Unsere Wut unser Weinen

unsere Schreie unsere Kinder

unsere Hilferufe unser Sterben

unter den Sternen

 

 

 

 

 

Alle Mörder

alle Ermordeten

 

alle dabei Gewesenen

 

Gebt eure

Erfahrungen weiter

 

an eure Kinder

und Kindeskinder

 

damit die Barbarei

niemals endet,

 

damit die Barbarei

irgendwann endet.

 

 

 

 

 

 

Zirkus Krone

 

Wie schön

 

sich die weißen

Pferdchen drehen

 

während

da draußen

 

das Böse

gegen das Gute

 

mit aller Macht

gewinnen will.

 

 

 

 

 

 

1

 

Eines Morgens

 

begegnen sich

eine Eintagsfliege

und eine Tagesmeldung.

 

Die Eintagsfliege ist sofort

von der Erscheinung

der Tagesmeldung fasziniert.

 

Aufgeregt überfliegt sie

die Konturen jeder ihrer Lettern.

 

Je mehr Zeichen sie überfliegt,

umso aufgeregter wird sie.

​

2

 

Die Tagesmeldung

 

eine wenig aufregende Story

von einer unbestimmten Aussage

eines Kanzlerkandidaten

auf einer Pressekonferenz

 

spürt einen leichten Luftzug über sich,

schaut hinauf zu diesem zarten,

fast durchsichtigen Wesen.

 

Verliebt sich sogleich in sie.

​

3

 

Die Tagesmeldung ahnt,

dass die Eintagsfliege

nicht lesen kann.

 

Wenn sie es könnte,

wäre sie wohl längst

weitergeflogen.

 

Jetzt hat sie sich auf ein

e gesetzt.

 

Oh, wie die Tagesmeldung

die Eintagsfliege mit all ihren

Buchstaben - Poren spürt!

 

Das e beginnt zu tanzen

und gleich darauf tanzen

auch die anderen Zeichen.

​

4

 

Den ganzen Lebenstag

geht das so.

 

Bis zum Lebensende.

 

Jeder Buchstabe will

Zeit mit ihr verbringen,

sie spüren und küssen.

 

Ihr in die Augen sehen.

​

5

 

Beim t

beim a

beim h

beim d

 

verweilt die Tagesfliege

sehr viel länger.

 

Muss eintauchen

in ihre Körperöffnungen.

 

Muss einatmen

all ihre Gerüche.

 

Was für ein wundervoller,

einzigartiger Moment

 

in der

Geschichte des Universums!

 

 

 

​

​

Ein Ölbild mit einem Waldmotiv

hängt in einer Sparkasse.

 

Angestellte gehen daran vorbei.

Mit ihren Schatten scheinen sie

 

Überweisungen und Auszahlungen

in den Bäumen, im Fluss, in der Lichtung

im Vordergrund auszulösen.

 

Kurz bewegen sich Blätter und Äste,

geschäftig fließen Wasser und Licht

 

Ich gehe näher heran.

Wo haben sich Lastschriften

und Zinsen versteckt?

 

Werden in den Blättern der Bäume

tatsächlich Münzen gezählt,

Konten eröffnet?

 

Ich darf mir nichts anmerken lassen,

darf nicht so auffällig hinschauen.

Darf mit meiner Hand nicht

über die Ölfarben streichen,

um den Wald abzusuchen.

 

Immer genieße ich

diese kurze Stille vor dem Alarm.

 

Wer nach schwarzen Kassen

in einem Ölbild greift,

der ist vielleicht bewaffnet,

und wenn es nur die Wasser-

oder Konfettipistole eines Irren ist.

 

Immer genieße ich den Moment

des Überwältigtwerdens.

 

Wenn die Transaktionen im Bild

und außerhalb des Bildes

für einen kurzen Moment

gestört werden.

 

 

 

 

 

Jede Ungerechtigkeit

wäre ein Streicholz.

 

Jede Hinrichtung

eine Erbse.

 

Jede Folterminute

ein Kieselstein.

 

Jeder Mord

ein Sandkorn.

 

Jeder Hunger

ein Grashalm.

 

Jeder Missbrauch

eine Murmel.

 

Jede Verzweiflung

eine Fliege.

 

Jeder Schuss

ein Brotkrumen.

 

Jedes Obdach verlieren

ein Tropfen.

 

 

 

 

 

Mit Vokalen kämpfen

für eine bessere Welt.

 

Mit Stirnrunzeln kämpfen

für eine bessere Welt.

 

Mit Schatten kämpfen

für eine bessere Welt.

 

mit Staub kämpfen

für eine bessere Welt.

 

Mit Spiegeln kämpfen

für eine bessere Welt.

 

Mit Föhnen kämpfen

für eine bessere Welt.

 

Mit Sternen kämpfen

für eine bessere Welt.

 

Mit Dosenöffnern kämpfen

für eine bessere Welt.

 

Mit Kirschkernen kämpfen

für eine bessere Welt.

 

(natürlich auch mit

Wahlen, Demonstrationen,

Revolutionen)

 

 

 

 

 

Das menschliche Wunder

 

Jeden Tag kommen neue

menschliche Wunder auf die Welt.

 

Menschliche Wunder,

die später Wälder zerstören,

Tiere versklaven, Kriege führen,

sich lieben,anderen menschlichen

Wundern helfen.

 

Ein menschliches Wunder

hat einem anderen menschlichen

Wunder ein blaues Auge geschlagen.

 

Ein menschliches Wunder

hat einem anderen menschlichen

Wunder das Leben gerettet.

 

Menschliche Wunder

haben anderen menschlichen Wundern

Arbeit und Wohnung gekündigt.

 

Ein menschliches Wunder hat entschieden,

dass ein anderes menschliches Wunder

in Abschiebehaft kommt.

 

Viele menschliche Wunder

haben das menschliche Wunder

eines Diktators gestürzt.

 

Eine Gruppe menschlicher Wunder

hat die Wasserreserven vieler

menschlicher Wunder zu Spekulationszwecken

aufgekauft.

 

Ein menschliches Wunder

hat aus Eifersucht ein anderes

menschliches Wunder erstochen.

 

Mehrere menschliche Wunder

sind in eine Geburtsstation eingedrungen

und haben dort möglichst viele

menschliche Wunder getötet.

 

Eine Gruppe menschlicher Wunder

hat eine Medizin entwickelt,

die vielen menschlichen Wundern

das Leben rettet.

 

Eine Gruppe menschlicher Wunder

hat ein zum Tode verurteiltes

anderes menschliches Wunder

mit einer Giftspritze getötet.

 

Ein menschliches Wunder

gibt einem anderen menschlichen

Wunder einen Kuss.

 

Vielleicht werden sie bald

neue menschliche Wunder

zeugen.

 

 

 

 

 

Wenn das Träumen nachts

die einzige Geldquelle wäre

 

zum Bezahlen der Miete,

zum Einkaufen von Lebensmitteln

und Kleidung etc.

 

Es bräuchte auch hier

fleißige Ellenbogen,

die erfolgreicher träumen

als der Rest.

 

Ohne Traum Kein Pfaum Auf Baum

 

würden die alten und neuen Reichen

zu den alten und neuen Armen

in Reimen sagen.

 

Mit anderen Worten:

Alles bliebe wie gehabt.

    © 2025 Fred Darimont 

bottom of page