Jürgen Beckelmann
An einen in einem zukünftigen Krieg
Gefallenen (1959)
NIE WIEDER KRIEG!
An einen, in einem zukünftigen
Krieg Gefallenen:
Du wirst irgendwann geboren werden.
Noch bist du nicht da.
Deine Eltern oder deine Großeltern
oder deine Urgroßeltern
sind vielleicht schon da ,
lernen sich gerade kennen,
um deine Geburt vorzubereiten.
Vielleicht wirst du
ein Musikinstrument lernen,
wirst dich für etwas interessieren,
das es jetzt noch nicht gibt,
das jetzt noch undenkbar ist.
Vielleicht wirst du Luft einatmen,
bei der wir uns vor Schmerz
krümmen würden.
Vielleicht wirst du
auf keinen Himmel mehr schauen.
Wir unterstellen,
dass es einen Krieg geben wird,
an dem du teilnimmst.
Vermutlich wirst du irgendeine
Uniform tragen so wie es Krieger tun.
Und du dich damit zu erkennen gibst
als Kriegsteilnehmer eines bestimmten
Staates und nicht als Spaziergänger
in irgendeinem städtischen Park.
Wir unterstellen weiterhin,
dass du sterben wirst in diesem Krieg.
Und wir gehen mal davon aus,
dass wenigstens ein Mensch,
wahrscheinlich mehrere Menschen
deinen Tod betrauern werden,
wenn sie die Nachricht davon erhalten.
Und wir nehmen auch an,
dass du in irgendeinem Gefäß,
irgendeinem Sack mit vielleicht
noch unbekannten Fasern zurückkommst,
in einem noch nicht vorstellbaren Fahrzeug.
Wir wollen alternativ mal annehmen,
dass es eine Möglichkeit gäbe,
deinen zukünftigen Tod zu verhindern.
Wir wollen nachdenken,
wie man das umsetzen könnte.
Wie wäre es mit dem Sammeln aller Tränen,
die Verwandte, Freunde, Partner
über den Tod eines geliebten Soldaten
in den letzten Jahrhunderten vergossen haben.
All diese Tränen könnten fiktiv
aufgesammelt werden in großen Behältern
und an die Bevölkerung
ausgegeben werden
als Medizin gegen zukünftige Kriege.
Auch unser Soldat hätte
etwas davon getrunken
und wäre nicht gefallen.
Über die Jahrzehnte, Jahrhunderte
müsste diese Medizin immer mehr
verdünnt werden,
da es ja keine Kriege mehr gäbe,
und damit keine Trauer mehr über Gefallene.
Mit zunehmender Verdünnung
ließe die Wirkung nach.
Und so würden wieder
neue Kriege entstehen
und andere zukünftige Soldaten
müssten betrauert werden,
bis sich wieder genug
Tränenmedizin angesammelt hätte.
NIE WIEDER KRIEG!
Beim Betrachten des Gemäldes
Garden of Earthly Delight
(Garten der weltlichen Lüste)
von Hieronymus Bosch
Lasst keine roten Früchte
aus Entenschnäbeln
in eure Münder fallen.
Umarmt niemals nackt
menschengroße Eulen.
Tragt keine kopflosen
schwarzen Bärenkreaturen
auf Ästen durch die Gegend.
Lasst euch beim Reiten
nicht die Sicht versperren
von fleischfressenden Fischen,
auf denen schwarze Kaninchen
sitzen.
Seid achtsam auf eure Hände,
dass sie nicht abgehackt in blauen Schalen
zusammen mit Spielwürfeln enden.
Betet keine
überlebensgroßen Erdbeeren
in nackten Versammlungen an.
Lasst keine losen Füße
an Eisengarderoben baumeln.
Füttert,
nackt, auf Wiesen liegend,
keine großen runden Früchte
an gefräßige Raben.
Schaut nicht aus Weltraumkugeln
durch Glasrohre auf schwarze
Mäuse.
Hängt euch nicht nackt kopfunter
an Äste von Sträuchern,
an denen Früchte wie große Brüste
herunterhängen.
Werft nicht, im Wasser liegend,
gesichtslos, froschartig,
anderen Fischen Bälle zu.
Esst nicht nackt
von dem dunkelblauen Gebilde,
in dem eine Schlange haust.
sonst
setzen sich Buch lesende Häscher
in dunkelblauen Kutten
auf eure nackten Rücken,
sonst töten euch schwarze Bösewichte,
in weißen Riesenohren sitzend,
mit ihren Lanzen,
sonst müsst ihr in düsteren Gewässern
mit gelben Farbklecksen am Himmel,
vergeblich um Hilfe rufen,
sonst werdet ihr nackt aufgefressen
von bunten Kreaturen
mit spitzen Schnäbeln,
und dunkle Vögel werden
aus euren muskulösen Ärschen
auffliegen,
sonst fliegen euch Messer ins Kreuz
und vierzahnige Nagetiere,
in prächtige Gewänder gehüllt,,
halten um eure Hand an,
sonst setzen sich große Hunde
mit seifenblasigen Rücken
auf eure Brustkörbe,
sonst müsst ihr alles Blut
und allen Reichtum
in einen tiefen Schlund
erbrechen und ausscheiden,
sonst führen euch fette Vögel
an der Hand an unbekannte
schlimme Orte,
sonst durchbohren euch
mit langen Dolchen
kriegerisches Wesen
mit Schmetterlingsohren,
sonst greifen Käfer in metallenen Rüstungen
nach euren Angst erstarrten Körpern,
während böse Affen im Manegenlicht
euch verhöhnen,
sonst werdet ihr nackt in Schlüssel gebeugt,
bedrängt von durchgeknallten
Harlekinen.
Jemand fällt von einer Treppe.
Ein Anderer stürzt von einer Leiter
oder in einen Fluss.
Wieder ein Anderer
lässt den Kopf auf den Tisch fallen
oder bricht zusammen
auf dem Weg zur Kantine.
Kulissen Requisiten des Sterbens
von geliebten oder fremden Menschen.
Jemand fällt hin und Vögel
fliegen aus seinem Kopf heraus,
das war vorgestern.
Jemand liegt da
und donnert so laut wie ein
großes Gewitter,
das war um die Jahrhundertwende,
ich weiß nicht mehr welche.
Jemand platzt wie ein Luftballon:
keine letzten Worte.
Jemand fällt
mit dem Stuhl nach hinten.
Ein Anderer röchelt plötzlich
auf dem Weg zur Toilette
und spuckt Nadeln aus
oder Tischtennisbälle.
.....
Jeder Ort der Welt kann Kulisse
für einen sterbenden Menschen sein.
Manche Orte haben es leichter
als andere, wie z.B. Brücken,
Autobahnen.
Dort stirbt es sich statistisch häufiger,
am häufigsten natürlich zu Hause.
Sehr selten stirbt mal Jemand
in einem großen Wald,
noch seltener in einem Kanalrohr.
Das könnte den Wäldern
und Kanalrohren eigentlich egal sein.
Wenn wir nur wüssten,
warum es ihnen überhaupt
nicht egal ist.
Denn wenn man gut hinhört
in manchen Nächten,
hört man Wald und Rohr
beten zum Kulissen-Sterbegott,
das er ihnen Sterbende schickt,
egal wie verrückt sie sind.
Ich fahre an einem Acker vorbei,
Schnee liegt auf den Erdklumpen.
Keiner von ihnen wird jemals
einen Führerschein machen,
einen Krimi schauen
oder ein Gedicht schreiben.
Aber auch mir wird vermutlich
Vieles verborgen bleiben,
weil ich kein Acker, kein Erdklumpen bin.
Ackersein ist nun mal,
solange man lebt,
eine unvorstellbare Lebensweise.
Im Vorbeifahren
Der Moment, wo eine Elster,
auf einer Leitplanke sitzend,
in den Busch dahinter springt.
Dort beginnt mein Niemandsland.
So wie sie werde ich niemals
auf einer Leitplanke sitzen.
Und auch wenn ich mich
als Elster verkleiden würde,
(was bestimmt reichlich
lächerlich aussähe),
um dann in den Busch zu springen:
Die Elster bliebe mir genauso
fremd wie vorher.
Ich bin längst
einen Kilometer weitergefahren.
Meine Welt ist eben keine Elsterwelt.
Meine Welt ist eine geteerte Welt
mit einem Kaffee am Morgen,
einem Apfelstrudel am Nachmittag.
Eine schlaue, schnelle Welt,
in der immer weniger geküsst wird.
Was soll das ewige Gejammer,
willst du lieber eine Elster sein?
Natürlich nicht!
Elstern küssen nicht,
nicht vor und nicht hinter den Leitplanken.
Und selbst wenn sie wollten,
wie sollten sie das mit ihren
Schnäbeln anstellen?
Einen Glückspfennig
auf der Straße finden,
ihn zum Himmel werfen.
Hoffentlich fällt er nicht
wieder herunter,
ein Glücksgott fängt ihn,
nimmt sofort Kontakt mit mir auf.
Zusätzlich dürften die Sterne
natürlich nicht schlecht stehen,
sich keine Dolche
in die Bäuche rammen,
sondern nur Liebe machen
in galaktischen Badewannen,
dass es nur so knistert und stöhnt.
Und danach eine Zigarette rauchen.
Epilog:
Und wenn ich
den Glückspfennig eingesteckt hätte?
Könnte man damit
Menschenleben retten
oder auslöschen?
Mit jedem Ast
sind es die gleichen Fragen,
mit jedem Krümel.
So viele Menschen
schon durch Tod verloren.
Und das ist erst der Anfang.
Wenn man sie alle zusammen
auf eine Waagschale
in einem kahlen Raum legte,
wie viel würden sie jetzt noch wiegen,
und wie viel in einem Jahr oder in fünf?
Ich könnte mich dazulegen,
um das Gesamtgewicht zu erhöhen.
Denn ab einem bestimmten Gewicht,
so sei es prophezeit,
würden aufgeregte Stimmen
in einer schlechten Soap Opera
ganz in der Nähe zu hören sein.
Die Schauspieler kämen
aus einer Tür in den Waagschalen-Raum.
Jetzt würden sie sich immer lauter anbrüllen.
Da es sich um eine virtuelle Waage
in einem raumlosen Gedankenspiel handelt,
würde ich hier "Stopp, sofort aufhören!" rufen
und die Schauspieler aus dem Nicht Raum werfen.
Durch eine andere Nicht Tür
würde ich hinausgehen,
den Himmel betrachten,
wie er heute Nachmittag ist.
Eine alte Frau
geht mit ihrem Rollator
über eine Ampel.
Sie hat noch ca. 50 Meter
bis zum Eingang der Kirche,
eine gefährliche Expedition
an diesem Morgen bei soviel Glatteis.
Vielleicht war sie mal Pilotin,
vielleicht hat sie als Söldnerin
in afrikanischen Kriegen gekämpft,
vielleicht hat sie auch nur
vier Haustiere überlebt
und das letzte hat sich unerwartet
in eine Marienstatue verwandelt.
Das besucht sie seither jeden Tag,
füttert und streichelt es heimlich,
wenn der Herr Pfarrer
zur immer gleichen Stunde
Wein in Blut verwandelt.
Hundert Schutzengel
warten derweil gespannt auf ihren Einsatz
bei ihrem täglichen Kommen und Gehen.
Sie sind unsichtbar,
vielleicht sind sie auch nicht da.
Und wo war ich die ganze Zeit?
Ich bin mit dem Auto vorbeigefahren,
habe die alte Frau kurz gesehen,
den Rest habe ich mir ausgedacht.
Lyrischer Tag
Wenn einem jeder Krümel
ein Gedicht diktieren will,
jede Türklinge, jeder Windhauch.
Und wenn man
ganz erschöpft ist am Abend
nach einem solch lyrischen Tag.
Wer will einen lyrischen Tag
wie diesen haben?
Bei Abholung umsonst abzugeben.
In einer Siedlung
Wenn sie dann kommen,
die ersten Trennungen,
die ersten Krebsdiagnosen,
die ersten Heulkrämpfe
und Wiederbelebungsmaßnahmen.
Wenn sie dann kommen,
die ersten Schlimmwotts
und Pummwitzel,
die gar nicht lustig sind,
auch wenn es so klingt.
Nicht zu reden
von den vielen Träumen
und Träumesträumen,
die nie auf Geburtstagsfeiern
erzählt werden,
von wilden Ritten über Steppen
und Schnepfen,
von tummelnden Badewannen
bis zum Horizont,
von Schüssen und Flüchen
auf Mann und Maus.
Puttenfasching
in einer bayerischen Kleinstadt
Putten, die jetzt immer noch
in Springbrunnen pissen
und nicht längst singend,
schunkelnd und küssend
umherziehen,
sind einfach unverbesserliche
Faschingsmuffel.
Solange ich lebe
sind sie meine Zeitgenossen.
Steine um mich herum,
kleine, große, runde,
eckige, glänzende, matte,
fast immer uralt.
Für sie bin ich wahrscheinlich
nur ein Vorbeihuschen,
ein Froschsprung,
ein Tanzschritt,
ein fallender Apfel vom Baum.
Und wenn ich mich jetzt
in einen Froschsprung,
einen Tanzschritt verwandelte,
ob sie es überhaupt merken würden?
Ich bin so froh,
dass ich kein Froschsprung,
kein Tanzschritt bin.
In dieser gottverdammten Gegend
bei einer Rechtsabbiegung
einen Blinker für Gott setzen,
oder ist es ein Zeichen
für die Steine am Wegrand
für den Nachthimmel, für die Katz?
Geschichtsunterricht
Was wir so gemacht haben,
wie es uns so ergangen ist
im Laufe der Jahrhunderte.
Was wir so getrieben haben,
wem wir vertraut,
wem wir aus Angst
gehorcht haben.
Wer unsere Verbündeten,
wer unsere Feinde waren.
Wen wir zu Tode gehetzt haben
oder für immer eingesperrt.
Was wir alles entdeckt haben
im Laufe der Zeit,
was davon hilfreich war
und was uns ruiniert hat.
Und natürlich auch:
Wie wir geliebt ,
uns gekleidet haben,
zu welcher Musik wir getanzt,
wen wir angebetet,
wen wir verbrannt haben.
Auf einer Party
an der Badezimmerwand:
Familien Portraits mit den Kindern,
als sie noch jung waren.
Die üblichen Posen
einer glücklichen Familie,
bis die Bilder anfangen zu reden,
wie es damals vor und nach
den Fotos wirklich war.
So hört es sich jedenfalls
irgendwie an.
Frauen-, Männer-, Kinderstimmen
plappern ihre Wahrheiten
hastig und aufgeregt durcheinander.
Die Stimmen scheinen
aus den Bilderrahmen zu kommen
oder doch hinter den Gläsern?
Sie klingen gedämpft,
schlechte Audioqualität,
was mehr für die Gläser spricht.
Ich hätte vermutlich laut rufen müssen:
"Stopp!
Immer der Reihe nach!
So geht das nicht!"
Aber, wie gesagt,
ich war auf einer Party
und draußen vor der Tür
wartete schon der nächste Pisser.
Das Licht zwischen
den Kartoffeln im Netz,
das der Mann eilig
mit der rechten Hand
aus dem Supermarkt trägt.
Es ist das Wertvollste,
das der eilige Mann,
ohne es zu bemerken,
im Netz nach Hause trägt.
Auf einer Wiese liegen,
zum Himmel schauen
wie früher.
Ich habe den Zecken gesagt,
sie können den Tag heute
freinehmen und ihnen Geld
zum Kegeln spendiert.
Ich glaube,
sie haben schon angefangen,
denn ich höre immer wieder
ein Poltern, als wenn Kegel
umgestoßen werden.
Wie klein müssen die Kegel sein
und machen doch Geräusche
wie richtige Kegel!
Mir soll´s recht sein.
Auf einer Wiese liegen,
zum Himmel schauen
wie früher.
So quiekt man,
wenn man von seinem Liebsten,
mitten in einer Menschenmenge,
plötzlich irgendwo gekitzelt wird.
Und weil das so unendlich aufregend ist,
wird den angelieferten Schlachtschweinen
im Umkreis von 100 Kilometern,
heute die Freiheit geschenkt.
Sie können gehen wohin sie wollen,
tun und lassen, was sie wollen.
Wenn meine Kinder
abends richtig müde sind,
spielen sie manchmal noch
Mikado auf dem Boden -
keine gute Idee.
Sie sagen dann immer wieder:
"Es hat gewackelt", -
"Nein, es hat nicht gewackelt!"
bis sie irgendwann
aufeinander losgehen.
Heute Abend ist es anders:
Sie lachen miteinander,
schnaufen, schweigen gespannt.
Am Ende sagt
die eine zur anderen:
"Du hast gewonnen,
kleines Arschloch, Pisserin!"
Splitternackter Alois Brems,
nicht mal mehr bekleidet
mit einem Straßennamen.
Aber er hat doch so viel getan
für die Jugend und die Kirche!
Und nun ist alles vermasselt!
Wenn er noch könnte:
im Grab würde er sich umdrehen.
Im Grab würden sich umdrehen
alle seine Überbleibsel.
Hin und her schaukeln
wie fünf monatige Säuglinge,
um endlich auf die
andere Seite zu kommen.
Anmerkung: Alois Brems war von 1968
bis 1983 Bischof von Eichstätt. Brems
unterstütze in seiner Amtszeit einen Priester,
der als Sexualverbrecher polizeilich gesucht wurde und schützte diesen vor Straf-
verfolgung. Im März 2023 wurde deshalb eine in Eichstätt nach ihm benannte Straße umbenannt.
Einer KI Software
ein paar Sätze eingeben
und sehen, was für Bilder
sie daraus generiert.
Sätze wie:
"Ich habe mich in meine
Schnürsenkel verliebt."
oder:
"Im Herzen der Bestie
ein Blutorangeneis schlecken."
2
Ich steige auf einen Berg.
Am Gipfel angekommen,
gebe ich in mein Tablet ein:
"Berggipfel".
Ich schaue mir eine Stunde lang
Berggipfel Bilder an,
die die Software mir anbietet.
Dann gehe ich den Berg
wieder runter.
3
"Das ist ein bisschen so
als würde ich mir vorstellen,
ein Drache fliegt hundert Mal
an mir vorbei.
Er sähe immer anders aus."
Ich gebe ein:
"Ein Drache fliegt an mir vorbei."
Nicht schon wieder
ein Gedicht über Raben im Park!
Wie oft schon sind sie
von mir und anderen
in lichtarmen Herbstgedichten
ausgeleuchtet worden.
Wie oft schon mussten sie
als Stimmungsmacher herhalten,
für wenig Gage den ganzen Tag
lärmen und herumstapfen.
Wie oft schon haben wir Dichter
sie wie Drachen über unsere
traurigen Zeilen fliegen lassen.
Und trotzdem:
ein rauschendes Sommerfest
für ein gutes Rabengedicht!
Die Königin der Krümel
Krümel morgens aufkehren
in Küche und Wohnzimmer.
Unvorstellbar
und sofort vergessen,
wie sie eben noch auf der Erde lagen
in einmaligen Konstellationen.
Doch heute ist es anders:
auf dem Fußboden finde ich
ein karminrotes rundes Gebilde,
groß wie eine 2 Euromünze,
voller Andeutungen auf einen
gelingenden Tag.
"Nein Fred, du bist diesmal
nicht gemeint!
Denn ich bin die Königin der Krümel
persönlich. Schau,
wie mein Königreich in Sekunden zerfällt,
jetzt, wo du alle meine Untertanen
aufgekehrt hast
Kehr mich jetzt bitte auch auf
und lass mich alleine"
Das Gedicht
"Il pleut" von Apollinaire
mit unserer neuen Nähmaschine
auf einen grauen Stoff nähen?
Lucia, meine Tochter fragen,
ob sie nicht Lust dazu hat.
Ich zeige ihr das Gedicht,
erkläre es ihr.
Es ist ihr zu aufwendig,
über hundert Buchstaben,
kreuz und quer,
außerdem in französisch.
Ich entscheide mich daraufhin,
ein virtuelles Gedicht daraus
zu machen.
Die Buchstaben sind jetzt
natürlich schnell genäht.
Ich hänge den Stoff
an einer Wand im Haus auf.
Nein,
es hat danach nicht
mehr als sonst geregnet.
Nein,
es gab danach keine
Wasserschäden im Haus.
Nein,
es verschwanden seither
keine Buchstaben vom Stoff.
Oder vielleicht doch?
Ich habe schon länger
nicht mehr nachgeschaut.
Regen prasselt
draußen ans Fenster,
wer´s hört, der lebt.
Und was hören die Toten
mit ihrem Ohrenlaub?
Vielleicht ganz andere Dinge,
die für uns wie Tinitus klingen
würden.
Ein Vogel fliegt auf,
wer´s sieht, der lebt.
Und was sehen die Toten
mit ihrem Augenmus?
Vielleicht ganz andere Dinge,
die für uns wie tanzende
wie fluchende Maulwurfshügel
aussehen würden.
Wenn man aus der Zukunft
auf das Jetzt schauen könnte,
vielleicht durch ein verstaubtes,
im Keller gefundenes Fernglas.
Zu sehen wären schemenhafte Umrisse,
Schatten, vage Bewegungen.
Was könnte man Anderes sehen
als das, was man gerade vorfindet,
jetzt auf dem Weg
von der Arbeit nach Hause,
an einem Fußballplatz vorbeigehend?
Wäre es nicht
das gleiche Geschrei der Spieler
auf dem Platz, der gleiche Reichtum
und Superreichtum,
sowie Kriege, Steuern, Unterhaltungs-
sendungen.
Was könnte man durch ein
verdrecktes Fernglas sehen,
was lebensrettend für einen selber
für andere, vielleicht sogar
für uns alle wäre.
Was müsste man dann
anders tun oder lassen?
Immer wieder würde man sich
Sequenzen anschauen,
sich wiederholende Tagesabläufe,
und deren Abweichungen.
Und vielleicht
würde man auf etwas stoßen,
wie Kommissare in Mordfällen
auf etwas stoßen,
auf Fehler, die Fingerabdrücke,
die Untergänge auslösen,
auf Porzellanpuppen,die sich
in Überschwemmungen verwandeln.
Vielleicht würde man das Glas
auch schnell wieder weglegen,
sich anderen Dingen zuwenden.
Urin Geruch riecht übel,
man will weg davon
und wünscht sich,
ihn möglichst lang
nicht mehr zu riechen.
Dabei muss man sich nur
ein paar Tage nicht waschen,
dann ist er da.
Wie gut, dass es kein Schicksal ist,
ihn lange, gar immer zu riechen.
Selbst die schönste Frau
würde einem mit seinem Geruch
vergehen,
selbst eine hohe Summe Geld
wollte man nicht annehmen,
wenn man sich vorher
länger in einem Pissoir
von bayerischen Volksfesten
einschließen müsste.
Nein,
ich wollte wirklich nicht
mein Revier mit Urin markieren,
ich wollte auch nicht an
irgendwelchen Sträuchern riechen,
ob hier schon ein Artgenosse
sein Lager aufgebaut hat.
Ich wollte auch
keine Urin Bilder pissen,
wie es Andy Warhol getan hat.
In bestimmten Momenten
fällt mir in einem Pissoir
beim Pissen schon mal
der ein oder andere Gedanke ein.
That´s it !
Mehr will ich damit wirklich
nicht zu tun haben!
Wahre Fans
Schimpfen
gegen alle schiedsrichterische
Ungerechtigkeiten auf dem Spielfeld,
schimpfen
wie es einen überkommt,
wie es aus einem herausschießt.
Wenn man ein Schimpf-
kanonaden Großraumlabor
kurzfristig aufstellen,
in Betrieb nehmen könnte.
Jetzt ließe sich das Geschimpfe
in seiner Lautstärke messen,
ließe sich einsammeln
wie Kaffeestempel auf einer
Bäckereikarte gesammelt werden.
Ein Öl ließe sich vielleicht daraus machen,
das man auf die Haut streicht.
Oh mein Gott!
Alle so Eingestrichenen
würden sofort und völlig grundlos
aufeinander losgehen.
Wenn man es trinken könnte,
wenn man es mit der Zunge
wie eine Schimpfhostie aufnehmen könnte.
Alle Empfänger würden sofort
nach Uniform und Waffen brüllen
für einen Krieg gegen die Republik
der Schiedsrichter und überhaupt
gegen alles Schiedrichterische.
Wenn man es an Soldaten
in Kriegen verteilen könnte,
besonders an die Gleichgültigen,
und die Kriegsgegner.
Sie verwandelten sich sogleich
in fanatische Krieger,
die über jeden Feind herfielen.
- - - - -
Epilog:
Das Spiel ist nun zu Ende,
das Labor wieder abgebaut
das Rausgeschrieene verflogen,
die Schimpftüren wieder gut verschlossen
bis zum nächsten Spiel.
Der Sänger
mit dem einen Hit,
die nächsten nur noch
Kopien des ersten.
Über uns
der Himmel voller Sterne,
keiner wie der andere.
Knicke in Papierdokumenten,
Risse, Falten, Tucker Spuren.
Sie können erfolgreiche
Bewerbungen verhindern
und Vieles mehr.
Ansonsten führen sie
unauffällig ein Eigenleben,
rotten sich zusammen.
Manchmal gesellt sich
ein Fettfleck dazu
oder ein anderer Klecks,
um Städte und Gemeinschaften
zu gründen.
Falten und Flecke,
die z.B. religiöse Sekten aufbauen,
was für ein Wahnsinn!
Aber auch:
Knicke helfen anderen Knicken
über die Zeilen.
Ob sie Lust empfinden können?
Vermutlich nicht.
Ob sie sich ärgern,
jahrelang im Dunkeln weggesperrt
in irgendwelchen Kladden, Kisten, Ordnern?
Vermutlich auch nicht.
Wenn jede dahin gekritzelte Einkaufsliste
sich auch noch anschließt,
jetzt, wo sowieso schon
alles egal ist.
Hauptsache es bleibt
uns Menschen verborgen
und das tut es gewiss.
Hinter unserem Rücken
tanzt das Gekritzelte,
spielt Gummitwist,
und, manchmal dyssozial:
klaut Schreibmaschinenpapier.
Eigentlich alle Dinge
um herum amüsieren sich
unbemerkt von uns,
sind besser drauf als wir.
Da können wir uns
noch so schnell umdrehen.
Das ist unser tragisches Los,
dass wir sie nie sehen im Tanz,
und später im betrunkenen Gelalle.
Nur wenn wir selber trunken
vor uns hin lallen,
sehen wir sie manchmal in Bewegung,
wie sie uns die Hand zum Tanze reichen:
die Straßenlaternen,
die Wasserhydranten,
die Stifte in der Dose,
die Fahrscheine und Geldscheine
im Portemonnaie.
Und wie sie uns küssen
und flachlegen wollen,
wenn ihre unvermutete Lust
plötzlich erwacht.
Die meisten Dinge schweigen,
sagen in ihrem ganzen Leben nichts.
Sie schweigen,
egal , was um sie herum passiert.
Sie sind ihr ganzes dingliches
Leben gleichgültig,
Man möchte sie schütteln dafür,
besser, man schüttelte stattdessen
gleichgültige Menschen.
Es schweigt der Lichtschein
der aufgehenden Sonne.
Es schweigen die Wolken,
natürlich schweigt auch der Mond.
Es schweigt der Schnee
auf den Äckern,
auch wenn er bald schmilzt,
er äußert sich nicht dazu.
Es schweigen auch die Bäume,
ob sie Geselligkeit praktizieren
mit ihren Wurzeln, ihren Ästen?
Es schweigt die Hundehütte
mit dem schnarchenden Hund.
Es schweigen die Menschen
nach der Arbeit
und die Liebenden
nach der Liebe.
Aber nur kurz.
Danach fallen sie sich
wieder in die Augen,
ins Atmen mit ihrer Liebe.
Nein, ich bin nicht traurig,
meine Augen tränen nur
vor Wind und Alter,
nein, ich bin nicht tot,
ich habe mich nur hingelegt,
nein, ich bin nicht verrückt,
ich plappere nur aus Spaß
vor mich hin,
nein, ich habe keinen Schluckauf,
ich versuche nur einen Hahn
zu imitieren,
nein, ich habe keinen Riesenhunger,
ich bin nur 179 cm groß,
nein, ich schreibe gerade kein Gedicht,
ich fülle nur Steuerformular aus.
Nein, ich bin nicht lebensmüde,
ich bin nur hundemüde.