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Jürgen Beckelmann

An einen in einem zukünftigen Krieg

Gefallenen (1959)

 

 

NIE WIEDER KRIEG!

 

An einen, in einem zukünftigen

Krieg Gefallenen:

 

Du wirst irgendwann geboren werden.

Noch bist du nicht da.

 

Deine Eltern oder deine Großeltern

oder deine Urgroßeltern

sind vielleicht schon da ,

lernen sich gerade kennen,

um deine Geburt vorzubereiten.

 

Vielleicht wirst du

ein Musikinstrument lernen,

wirst dich für etwas interessieren,

das es jetzt noch nicht gibt,

das jetzt noch undenkbar ist.

 

Vielleicht wirst du Luft einatmen,

bei der wir uns vor Schmerz

krümmen würden.

 

Vielleicht wirst du

auf keinen Himmel mehr schauen.

 

Wir unterstellen,

dass es einen Krieg geben wird,

an dem du teilnimmst.

 

Vermutlich wirst du irgendeine

Uniform tragen so wie es Krieger tun.

Und du dich damit zu erkennen gibst

als Kriegsteilnehmer eines bestimmten

Staates und nicht als Spaziergänger

in irgendeinem städtischen Park.

 

Wir unterstellen weiterhin,

dass du sterben wirst in diesem Krieg.

 

Und wir gehen mal davon aus,

dass wenigstens ein Mensch,

wahrscheinlich mehrere Menschen

deinen Tod betrauern werden,

wenn sie die Nachricht davon erhalten.

 

Und wir nehmen auch an,

dass du in irgendeinem Gefäß,

irgendeinem Sack mit vielleicht

noch unbekannten Fasern zurückkommst,

in einem noch nicht vorstellbaren Fahrzeug.

 

 

 

Wir wollen alternativ mal annehmen,

dass es eine Möglichkeit gäbe,

deinen zukünftigen Tod zu verhindern.

 

Wir wollen nachdenken,

wie man das umsetzen könnte.

 

Wie wäre es mit dem Sammeln aller Tränen,

die Verwandte, Freunde, Partner

über den Tod eines geliebten Soldaten

in den letzten Jahrhunderten vergossen haben.

 

All diese Tränen könnten fiktiv

aufgesammelt werden in großen Behältern

 

und an die Bevölkerung

ausgegeben werden

als Medizin gegen zukünftige Kriege.

 

Auch unser Soldat hätte

etwas davon getrunken

und wäre nicht gefallen.

 

Über die Jahrzehnte, Jahrhunderte

müsste diese Medizin immer mehr

verdünnt werden,

da es ja keine Kriege mehr gäbe,

und damit keine Trauer mehr über Gefallene.

 

Mit zunehmender Verdünnung

ließe die Wirkung nach.

 

Und so würden wieder

neue Kriege entstehen

und andere zukünftige Soldaten

müssten betrauert werden,

 

bis sich wieder genug

Tränenmedizin angesammelt hätte.

 

NIE WIEDER KRIEG!

 

 

 

 

 

 

Beim Betrachten des Gemäldes

Garden of Earthly Delight

(Garten der weltlichen Lüste)

von Hieronymus Bosch

 

 

Lasst keine roten Früchte

aus Entenschnäbeln

in eure Münder fallen.

 

Umarmt niemals nackt

menschengroße Eulen.

 

Tragt keine kopflosen

schwarzen Bärenkreaturen

auf Ästen durch die Gegend.

 

Lasst euch beim Reiten

nicht die Sicht versperren

von fleischfressenden Fischen,

auf denen schwarze Kaninchen

sitzen.

 

Seid achtsam auf eure Hände,

dass sie nicht abgehackt in blauen Schalen

zusammen mit Spielwürfeln enden.

 

Betet keine

überlebensgroßen Erdbeeren

in nackten Versammlungen an.

 

Lasst keine losen Füße

an Eisengarderoben baumeln.

 

Füttert,

nackt, auf Wiesen liegend,

keine großen runden Früchte

an gefräßige Raben.

 

Schaut nicht aus Weltraumkugeln

durch Glasrohre auf schwarze

Mäuse.

 

Hängt euch nicht nackt kopfunter

an Äste von Sträuchern,

an denen Früchte wie große Brüste

herunterhängen.

 

Werft nicht, im Wasser liegend,

gesichtslos, froschartig,

anderen Fischen Bälle zu.

 

Esst nicht nackt

von dem dunkelblauen Gebilde,

in dem eine Schlange haust.

 

 

sonst

 

 

setzen sich Buch lesende Häscher

in dunkelblauen Kutten

auf eure nackten Rücken,

 

sonst töten euch schwarze Bösewichte,

in weißen Riesenohren sitzend,

mit ihren Lanzen,

 

sonst müsst ihr in düsteren Gewässern

mit gelben Farbklecksen am Himmel,

vergeblich um Hilfe rufen,

 

sonst werdet ihr nackt aufgefressen

von bunten Kreaturen

mit spitzen Schnäbeln,

und dunkle Vögel werden

aus euren muskulösen Ärschen

auffliegen,

 

sonst fliegen euch Messer ins Kreuz

und vierzahnige Nagetiere,

in prächtige Gewänder gehüllt,,

halten um eure Hand an,

 

sonst setzen sich große Hunde

mit seifenblasigen Rücken

auf eure Brustkörbe,

 

sonst müsst ihr alles Blut

und allen Reichtum

in einen tiefen Schlund

erbrechen und ausscheiden,

 

sonst führen euch fette Vögel

an der Hand an unbekannte

schlimme Orte,

 

sonst durchbohren euch

mit langen Dolchen

kriegerisches Wesen

mit Schmetterlingsohren,

 

sonst greifen Käfer in metallenen Rüstungen

nach euren Angst erstarrten Körpern,

während böse Affen im Manegenlicht

euch verhöhnen,

 

sonst werdet ihr nackt in Schlüssel gebeugt,

bedrängt von durchgeknallten

Harlekinen.

 

 

 

 

 

Jemand fällt von einer Treppe.

 

Ein Anderer stürzt von einer Leiter

oder in einen Fluss.

 

Wieder ein Anderer

lässt den Kopf auf den Tisch fallen

 

oder bricht zusammen

auf dem Weg zur Kantine.

 

Kulissen Requisiten des Sterbens

von geliebten oder fremden Menschen.

 

Jemand fällt hin und Vögel

fliegen aus seinem Kopf heraus,

das war vorgestern.

 

Jemand liegt da

und donnert so laut wie ein

großes Gewitter,

das war um die Jahrhundertwende,

ich weiß nicht mehr welche.

 

Jemand platzt wie ein Luftballon:

keine letzten Worte.

 

Jemand fällt

mit dem Stuhl nach hinten.

 

Ein Anderer röchelt plötzlich

auf dem Weg zur Toilette

 

und spuckt Nadeln aus

oder Tischtennisbälle.

 

.....

 

Jeder Ort der Welt kann Kulisse

für einen sterbenden Menschen sein.

 

Manche Orte haben es leichter

als andere, wie z.B. Brücken,

Autobahnen.

 

Dort stirbt es sich statistisch häufiger,

am häufigsten natürlich zu Hause.

 

Sehr selten stirbt mal Jemand

in einem großen Wald,

noch seltener in einem Kanalrohr.

 

Das könnte den Wäldern

und Kanalrohren eigentlich egal sein.

 

Wenn wir nur wüssten,

warum es ihnen überhaupt

nicht egal ist.

 

Denn wenn man gut hinhört

in manchen Nächten,

hört man Wald und Rohr

beten zum Kulissen-Sterbegott,

das er ihnen Sterbende schickt,

egal wie verrückt sie sind.

 

 

 

 

Ich fahre an einem Acker vorbei,

Schnee liegt auf den Erdklumpen.

 

Keiner von ihnen wird jemals

einen Führerschein machen,

einen Krimi schauen

oder ein Gedicht schreiben.

 

Aber auch mir wird vermutlich

Vieles verborgen bleiben,

weil ich kein Acker, kein Erdklumpen bin.

 

Ackersein ist nun mal,

solange man lebt,

eine unvorstellbare Lebensweise.

 

 

 

 

Im Vorbeifahren

 

Der Moment, wo eine Elster,

auf einer Leitplanke sitzend,

in den Busch dahinter springt.

 

Dort beginnt mein Niemandsland.

So wie sie werde ich niemals

auf einer Leitplanke sitzen.

 

Und auch wenn ich mich

als Elster verkleiden würde,

(was bestimmt reichlich

lächerlich aussähe),

um dann in den Busch zu springen:

Die Elster bliebe mir genauso

fremd wie vorher.

 

Ich bin längst

einen Kilometer weitergefahren.

Meine Welt ist eben keine Elsterwelt.

 

Meine Welt ist eine geteerte Welt

mit einem Kaffee am Morgen,

einem Apfelstrudel am Nachmittag.

Eine schlaue, schnelle Welt,

in der immer weniger geküsst wird.

 

Was soll das ewige Gejammer,

willst du lieber eine Elster sein?

 

Natürlich nicht!

Elstern küssen nicht,

nicht vor und nicht hinter den Leitplanken.

 

Und selbst wenn sie wollten,

wie sollten sie das mit ihren

Schnäbeln anstellen?

 

Einen Glückspfennig

auf der Straße finden,

ihn zum Himmel werfen.

 

Hoffentlich fällt er nicht

wieder herunter,

ein Glücksgott fängt ihn,

nimmt sofort Kontakt mit mir auf.

 

Zusätzlich dürften die Sterne

natürlich nicht schlecht stehen,

 

sich keine Dolche

in die Bäuche rammen,

 

sondern nur Liebe machen

in galaktischen Badewannen,

dass es nur so knistert und stöhnt.

 

Und danach eine Zigarette rauchen.

 

Epilog:

 

Und wenn ich

den Glückspfennig  eingesteckt hätte?

 

Könnte man damit

Menschenleben retten

oder auslöschen?

 

Mit jedem Ast

sind es die gleichen Fragen,

mit jedem Krümel.

 

 

 

So viele Menschen

schon durch Tod verloren.

Und das ist erst der Anfang.

 

Wenn man sie alle zusammen

auf eine Waagschale

in einem kahlen Raum legte,

wie viel würden sie jetzt noch wiegen,

und wie viel in einem Jahr oder in fünf?

 

Ich könnte mich dazulegen,

um das Gesamtgewicht zu erhöhen.

 

Denn ab einem bestimmten Gewicht,

so sei es prophezeit,

würden aufgeregte Stimmen

in einer schlechten Soap Opera

ganz in der Nähe zu hören sein.

 

Die Schauspieler kämen

aus einer Tür in den Waagschalen-Raum.

Jetzt würden sie sich immer lauter anbrüllen.

 

Da es sich um eine virtuelle Waage

in einem raumlosen Gedankenspiel handelt,

würde ich hier "Stopp, sofort aufhören!" rufen

und die Schauspieler aus dem Nicht Raum werfen.

 

Durch eine andere Nicht Tür

würde ich hinausgehen,

den Himmel betrachten,

wie er heute Nachmittag ist.

 

 

 

Eine alte Frau

geht mit ihrem Rollator

über eine Ampel.

Sie hat noch ca. 50 Meter

bis zum Eingang der Kirche,

eine gefährliche Expedition

an diesem Morgen bei soviel Glatteis.

 

Vielleicht war sie mal Pilotin,

vielleicht hat sie als Söldnerin

in afrikanischen Kriegen gekämpft,

vielleicht hat sie auch nur

vier Haustiere überlebt

 

und das letzte hat sich unerwartet

in eine Marienstatue verwandelt.

Das besucht sie seither jeden Tag,

füttert und streichelt es heimlich,

wenn der Herr Pfarrer

zur immer gleichen Stunde

Wein in Blut verwandelt.

 

Hundert Schutzengel

warten derweil gespannt auf ihren Einsatz

bei ihrem täglichen Kommen und Gehen.

 

Sie sind unsichtbar,

vielleicht sind sie auch nicht da.

 

Und wo war ich die ganze Zeit?

Ich bin mit dem Auto vorbeigefahren,

habe die alte Frau kurz gesehen,

den Rest habe ich mir ausgedacht.

 

 

 

Lyrischer Tag

 

Wenn einem jeder Krümel

ein Gedicht diktieren will,

jede Türklinge, jeder Windhauch.

 

 

Und wenn man

ganz erschöpft ist am Abend

nach einem solch lyrischen Tag.

 

Wer will einen lyrischen Tag

wie diesen haben?

 

Bei Abholung umsonst abzugeben.

In einer Siedlung

 

Wenn sie dann kommen,

die ersten Trennungen,

die ersten Krebsdiagnosen,

die ersten Heulkrämpfe

und Wiederbelebungsmaßnahmen.

 

Wenn sie dann kommen,

die ersten Schlimmwotts

und Pummwitzel,

die gar nicht lustig sind,

auch wenn es so klingt.

 

Nicht zu reden

von den vielen Träumen

und Träumesträumen,

die nie auf Geburtstagsfeiern

erzählt werden,

 

von wilden Ritten über Steppen

und Schnepfen,

von tummelnden Badewannen

bis zum Horizont,

von Schüssen und Flüchen

auf Mann und Maus.

 

 

 

Puttenfasching

in einer bayerischen Kleinstadt

 

Putten, die jetzt immer noch

in Springbrunnen pissen

und nicht längst singend,

schunkelnd und küssend

umherziehen,

 

sind einfach unverbesserliche

Faschingsmuffel.

 

 

 

 

Solange ich lebe

sind sie meine Zeitgenossen.

 

Steine um mich herum,

kleine, große, runde,

eckige, glänzende, matte,

fast immer uralt.

 

Für sie bin ich wahrscheinlich

nur ein Vorbeihuschen,

ein Froschsprung,

ein Tanzschritt,

ein fallender Apfel vom Baum.

 

Und wenn ich mich jetzt

in einen Froschsprung,

einen Tanzschritt verwandelte,

ob sie es überhaupt merken würden?

 

Ich bin so froh,

dass ich kein Froschsprung,

kein Tanzschritt bin.

 

 

 

In dieser gottverdammten Gegend

bei einer Rechtsabbiegung

einen Blinker für Gott setzen,

 

oder ist es ein Zeichen

für die Steine am Wegrand

für den Nachthimmel, für die Katz?

 

 

 

 

Geschichtsunterricht

 

Was wir so gemacht haben,

wie es uns so ergangen ist

im Laufe der Jahrhunderte.

 

Was wir so getrieben haben,

wem wir vertraut,

wem wir aus Angst

gehorcht haben.

 

Wer unsere Verbündeten,

wer unsere Feinde waren.

Wen wir zu Tode gehetzt haben

oder für immer eingesperrt.

 

Was wir alles entdeckt haben

im Laufe der Zeit,

was davon hilfreich war

und was uns ruiniert hat.

 

Und natürlich auch:

 

Wie wir geliebt ,

uns gekleidet haben,

zu welcher Musik wir getanzt,

wen wir angebetet,

wen wir verbrannt haben.

 

 

 

 

Auf einer Party

an der Badezimmerwand:

Familien Portraits mit den Kindern,

als sie noch jung waren.

 

Die üblichen Posen

einer glücklichen Familie,

 

bis die Bilder anfangen zu reden,

wie es damals vor und nach

den Fotos wirklich war.

 

So hört es sich jedenfalls

irgendwie an.

 

Frauen-, Männer-, Kinderstimmen

plappern ihre Wahrheiten

hastig und aufgeregt durcheinander.

 

Die Stimmen scheinen

aus den Bilderrahmen zu kommen

oder doch hinter den Gläsern?

 

Sie klingen gedämpft,

schlechte Audioqualität,

was mehr für die Gläser spricht.

 

Ich hätte vermutlich laut rufen müssen:

 

"Stopp!

Immer der Reihe nach!

So geht das nicht!"

 

Aber, wie gesagt,

ich war auf einer Party

und draußen vor der Tür

wartete schon der nächste Pisser.

 

 

 

 

Das Licht zwischen

den Kartoffeln im Netz,

das der Mann eilig

mit der rechten Hand

aus dem Supermarkt trägt.

 

Es ist das Wertvollste,

das der eilige Mann,

ohne es zu bemerken,

im Netz nach Hause trägt.

 

 

 

 

Auf einer Wiese liegen,

zum Himmel schauen

wie früher.

 

Ich habe den Zecken gesagt,

sie können den Tag heute

freinehmen und ihnen Geld

zum Kegeln spendiert.

 

Ich glaube,

sie haben schon angefangen,

denn ich höre immer wieder

ein Poltern, als wenn Kegel

umgestoßen werden.

 

Wie klein müssen die Kegel sein

und machen doch Geräusche

wie richtige Kegel!

 

Mir soll´s recht sein.

 

Auf einer Wiese liegen,

zum Himmel schauen

wie früher.

 

 

 

 

So quiekt man,

wenn man von seinem Liebsten,

mitten in einer Menschenmenge,

plötzlich irgendwo gekitzelt wird.

 

Und weil das so unendlich aufregend ist,

wird den angelieferten Schlachtschweinen

im Umkreis von 100 Kilometern,

heute die Freiheit geschenkt.

 

Sie können gehen wohin sie wollen,

tun und lassen, was sie wollen.

 

 

 

Wenn meine Kinder

abends richtig müde sind,

 

spielen sie manchmal noch

Mikado auf dem Boden -

keine gute Idee.

 

Sie sagen dann immer wieder:

"Es hat gewackelt", -

"Nein, es hat nicht gewackelt!"

 

bis sie irgendwann

aufeinander losgehen.

 

Heute Abend ist es anders:

Sie lachen miteinander,

schnaufen, schweigen gespannt.

 

Am Ende sagt

die eine zur anderen:

 

"Du hast gewonnen,

kleines Arschloch, Pisserin!"

 

 

 

Splitternackter Alois Brems,

nicht mal mehr bekleidet

mit einem Straßennamen.

 

Aber er hat doch so viel getan

für die Jugend und die Kirche!

 

Und nun ist alles vermasselt!

 

Wenn er noch könnte:

im Grab würde er sich umdrehen.

 

Im Grab würden sich umdrehen

alle seine Überbleibsel.

 

Hin und her schaukeln

wie fünf monatige Säuglinge,

 

um endlich auf die

andere Seite zu kommen.

Anmerkung: Alois Brems war von 1968

bis 1983 Bischof von Eichstätt.  Brems

unterstütze in seiner Amtszeit einen Priester,

der als Sexualverbrecher polizeilich gesucht wurde und schützte diesen vor Straf-

verfolgung. Im März 2023 wurde deshalb eine in Eichstätt nach ihm benannte Straße umbenannt.

 

Einer KI Software

ein paar Sätze eingeben

und sehen, was für Bilder

sie daraus generiert.

 

Sätze wie:

"Ich habe mich in meine

Schnürsenkel verliebt."

 

oder:

 

"Im Herzen der Bestie

ein Blutorangeneis schlecken."

 

2

 

Ich steige auf einen Berg.

Am Gipfel angekommen,

gebe ich in mein Tablet ein:

"Berggipfel".

 

Ich schaue mir eine Stunde lang

Berggipfel Bilder an,

die die Software mir anbietet.

Dann gehe ich den Berg

wieder runter.

 

3

 

"Das ist ein bisschen so

als würde ich mir vorstellen,

ein Drache fliegt hundert Mal

an mir vorbei.

Er sähe immer anders aus."

 

Ich gebe ein:

"Ein Drache fliegt an mir vorbei."

Nicht schon wieder

ein Gedicht über Raben im Park!

 

Wie oft schon sind sie

von mir und anderen

in lichtarmen Herbstgedichten

ausgeleuchtet worden.

 

Wie oft schon mussten sie

als Stimmungsmacher herhalten,

für wenig Gage den ganzen Tag

lärmen und herumstapfen.

 

Wie oft schon haben wir Dichter

sie wie Drachen über unsere

traurigen Zeilen fliegen lassen.

 

Und trotzdem:

ein rauschendes Sommerfest

für ein gutes Rabengedicht!

 

 

 

Die Königin der Krümel

 

Krümel morgens aufkehren

in Küche und Wohnzimmer.

 

Unvorstellbar

und sofort vergessen,

wie sie eben noch auf der Erde lagen

in einmaligen Konstellationen.

 

Doch heute ist es anders:

auf dem Fußboden finde ich

ein karminrotes rundes Gebilde,

groß wie eine 2 Euromünze,

voller Andeutungen auf einen

gelingenden Tag.

 

"Nein Fred, du bist diesmal

nicht gemeint!

 

Denn ich bin die Königin der Krümel

persönlich. Schau,

 

wie mein Königreich in Sekunden zerfällt,

jetzt, wo du alle meine Untertanen

aufgekehrt hast

 

Kehr mich jetzt bitte auch auf

und lass mich alleine"

 

 

 

Das Gedicht

"Il pleut" von Apollinaire

mit unserer neuen Nähmaschine

auf einen grauen Stoff nähen?

 

Lucia, meine Tochter fragen,

ob sie nicht Lust dazu hat.

 

Ich zeige ihr das Gedicht,

erkläre es ihr.

 

Es ist ihr zu aufwendig,

über hundert Buchstaben,

kreuz und quer,

außerdem in französisch.

 

Ich entscheide mich daraufhin,

ein virtuelles Gedicht daraus

zu machen.

 

Die Buchstaben sind jetzt

natürlich schnell genäht.

 

Ich hänge den Stoff

an einer Wand im Haus auf.

 

Nein,

es hat danach nicht

mehr als sonst geregnet.

 

Nein,

es gab danach keine

Wasserschäden im Haus.

 

Nein,

es verschwanden seither

keine Buchstaben vom Stoff.

 

Oder vielleicht doch?

 

Ich habe schon länger

nicht mehr nachgeschaut.

 

 

 

Regen prasselt

draußen ans Fenster,

wer´s hört, der lebt.

 

Und was hören die Toten

mit ihrem Ohrenlaub?

 

Vielleicht ganz andere Dinge,

die für uns wie Tinitus klingen

würden.

 

Ein Vogel fliegt auf,

wer´s sieht, der lebt.

 

Und was sehen die Toten

mit ihrem Augenmus?

 

Vielleicht ganz andere Dinge,

die für uns wie tanzende

wie fluchende Maulwurfshügel

aussehen würden.

 

 

 

 

Wenn man aus der Zukunft

auf das Jetzt schauen könnte,

 

vielleicht durch ein verstaubtes,

im Keller gefundenes Fernglas.

 

Zu sehen wären schemenhafte Umrisse,

Schatten, vage Bewegungen.

 

Was könnte man Anderes sehen

als das, was man gerade vorfindet,

 

jetzt auf dem Weg

von der Arbeit nach Hause,

an einem Fußballplatz vorbeigehend?

 

Wäre es nicht

das gleiche Geschrei der Spieler

auf dem Platz, der gleiche Reichtum

und Superreichtum,

sowie Kriege, Steuern, Unterhaltungs-

sendungen.

 

Was könnte man durch ein

verdrecktes Fernglas sehen,

was lebensrettend für einen selber

für andere, vielleicht sogar

für uns alle wäre.

 

Was müsste man dann

anders tun oder lassen?

 

Immer wieder würde man sich

Sequenzen anschauen,

sich wiederholende Tagesabläufe,

und deren Abweichungen.

 

Und vielleicht

würde man auf etwas stoßen,

wie Kommissare in Mordfällen

auf etwas stoßen,

auf Fehler, die Fingerabdrücke,

die Untergänge auslösen,

auf Porzellanpuppen,die sich

in Überschwemmungen verwandeln.

 

Vielleicht würde man das Glas

auch schnell wieder weglegen,

sich anderen Dingen zuwenden.

 

 

 

Urin Geruch riecht übel,

man will weg davon

 

und wünscht sich,

ihn möglichst lang

nicht mehr zu riechen.

 

Dabei muss man sich nur

ein paar Tage nicht waschen,

dann ist er da.

 

Wie gut, dass es kein Schicksal ist,

ihn lange, gar immer zu riechen.

 

Selbst die schönste Frau

würde einem mit seinem Geruch

vergehen,

 

selbst eine hohe Summe Geld

wollte man nicht annehmen,

wenn man sich vorher

länger in einem Pissoir

von bayerischen Volksfesten

einschließen müsste.

 

Nein,

ich wollte wirklich nicht

mein Revier mit Urin markieren,

ich wollte auch nicht an

irgendwelchen Sträuchern riechen,

ob hier schon ein Artgenosse

sein Lager aufgebaut hat.

 

Ich wollte auch

keine Urin Bilder pissen,

wie es Andy Warhol getan hat.

 

In bestimmten Momenten

fällt mir in einem Pissoir

beim Pissen schon mal

der ein oder andere Gedanke ein.

 

That´s it !

Mehr will ich damit wirklich

nicht zu tun haben!

 

 

 

 

Wahre Fans

 

Schimpfen

gegen alle schiedsrichterische

Ungerechtigkeiten auf dem Spielfeld,

 

schimpfen

wie es einen überkommt,

wie es aus einem herausschießt.

 

Wenn man ein Schimpf-

kanonaden Großraumlabor

kurzfristig aufstellen,

in Betrieb nehmen könnte.

 

Jetzt ließe sich das Geschimpfe

in seiner Lautstärke messen,

ließe sich einsammeln

wie Kaffeestempel auf einer

Bäckereikarte gesammelt werden.

 

Ein Öl ließe sich vielleicht daraus machen,

das man auf die Haut streicht.

 

Oh mein Gott!

Alle so Eingestrichenen

würden sofort und völlig grundlos

aufeinander losgehen.

 

Wenn man es trinken könnte,

wenn man es mit der Zunge

wie eine Schimpfhostie aufnehmen könnte.

 

Alle Empfänger würden sofort

nach Uniform und Waffen brüllen

für einen Krieg gegen die Republik

der Schiedsrichter und überhaupt

gegen alles Schiedrichterische.

 

Wenn man es an Soldaten

in Kriegen verteilen könnte,

besonders an die Gleichgültigen,

und die Kriegsgegner.

Sie verwandelten sich sogleich

in fanatische Krieger,

die über jeden Feind herfielen.

 

- - - - -

 

Epilog:

 

Das Spiel ist nun zu Ende,

das Labor wieder abgebaut

das Rausgeschrieene verflogen,

die Schimpftüren wieder gut verschlossen

bis zum nächsten Spiel.

 

 

 

 

Der Sänger

mit dem einen Hit,

 

die nächsten nur noch

Kopien des ersten.

 

Über uns

der Himmel voller Sterne,

 

keiner wie der andere.

 

 

 

 

Knicke in Papierdokumenten,

Risse, Falten, Tucker Spuren.

 

Sie können erfolgreiche

Bewerbungen verhindern

und Vieles mehr.

 

Ansonsten führen sie

unauffällig ein Eigenleben,

rotten sich zusammen.

 

Manchmal gesellt sich

ein Fettfleck dazu

oder ein anderer Klecks,

um Städte und Gemeinschaften

zu gründen.

 

Falten und Flecke,

die z.B. religiöse Sekten aufbauen,

was für ein Wahnsinn!

 

Aber auch:

Knicke helfen anderen Knicken

über die Zeilen.

 

Ob sie Lust empfinden können?

Vermutlich nicht.

 

Ob sie sich ärgern,

jahrelang im Dunkeln weggesperrt

in irgendwelchen Kladden, Kisten, Ordnern?

Vermutlich auch nicht.

 

Wenn jede dahin gekritzelte Einkaufsliste

sich auch noch anschließt,

jetzt, wo sowieso schon

alles egal ist.

 

Hauptsache es bleibt

uns Menschen verborgen

und das tut es gewiss.

 

Hinter unserem Rücken

tanzt das Gekritzelte,

spielt Gummitwist,

und, manchmal dyssozial:

klaut Schreibmaschinenpapier.

 

Eigentlich alle Dinge

um herum amüsieren sich

unbemerkt von uns,

sind besser drauf als wir.

 

Da können wir uns

noch so schnell umdrehen.

 

Das ist unser tragisches Los,

dass wir sie nie sehen im Tanz,

und später im betrunkenen Gelalle.

 

Nur wenn wir selber trunken

vor uns hin lallen,

sehen wir sie manchmal in Bewegung,

wie sie uns die Hand zum Tanze reichen:

 

die Straßenlaternen,

die Wasserhydranten,

die Stifte in der Dose,

die Fahrscheine und Geldscheine

im Portemonnaie.

 

Und wie sie uns küssen

und flachlegen wollen,

wenn ihre unvermutete Lust

plötzlich erwacht.

 

 

 

Die meisten Dinge schweigen,

sagen in ihrem ganzen Leben nichts.

 

Sie schweigen,

egal , was um sie herum passiert.

 

Sie sind ihr ganzes dingliches

Leben gleichgültig,

 

Man möchte sie schütteln dafür,

besser, man schüttelte stattdessen

gleichgültige Menschen.

 

Es schweigt der Lichtschein

der aufgehenden Sonne.

 

Es schweigen die Wolken,

natürlich schweigt auch der Mond.

 

Es schweigt der Schnee

auf den Äckern,

auch wenn er bald schmilzt,

er äußert sich nicht dazu.

 

Es schweigen auch die Bäume,

ob sie Geselligkeit praktizieren

mit ihren Wurzeln, ihren Ästen?

 

Es schweigt die Hundehütte

mit dem schnarchenden Hund.

 

Es schweigen die Menschen

nach der Arbeit

 

und die Liebenden

nach der Liebe.

 

Aber nur kurz.

Danach fallen sie sich

wieder in die Augen,

ins Atmen mit ihrer Liebe.

 

 

 

 

Nein, ich bin nicht traurig,

meine Augen tränen nur

vor Wind und Alter,

 

nein, ich bin nicht tot,

ich habe mich nur hingelegt,

 

nein, ich bin nicht verrückt,

ich plappere nur aus Spaß

vor mich hin,

 

nein, ich habe keinen Schluckauf,

ich versuche nur einen Hahn

zu imitieren,

 

nein, ich habe keinen Riesenhunger,

ich bin nur 179 cm groß,

 

nein, ich schreibe gerade kein Gedicht,

ich fülle nur Steuerformular aus.

 

Nein, ich bin nicht lebensmüde,

ich bin nur hundemüde.

    © 2025 Fred Darimont 

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