Künstliche Stimmen
1
Was soll man nur anfangen
mit diesen vielen künstlichen Stimmen,
die einen am Tag in Bahnhöfen
und Tiefgaragen, an Automaten etc.
ansprechen?
Man könnte ihren Schall sammeln
mit einem Aufzeichnungsgerät.
Könnte sich einen Tag
frei nehmen von der Arbeit
und die Stadt nach ihnen absuchen.
2
Zu Hause dann
die gesammelten Stimmen
anhören und sie für die
Weiterverarbeitung vorbereiten.
Wie ernst und bevormundend
sie meist klingen: Tu dies, laß das!
Sie scheinen keine
verrückten Tage zu kennen,
nie stoßen sie irgendwo an
und schreien: Au!
3
Man könnte versuchen
mit ihnen ins Gespräch zu kommen.
Egal, auch wenn sie immer
das Gleiche sagen,
einfach so tun, als wäre es
eine interessante Diskussion,
die man unbedingt noch lange
fortsetzen möchte.
Oder wenn man in der Begegnung
eine wachsende Anziehung spürt:
"Es ist schon spät,
gleich fährt mein letzter Zug,
kann ich in deinem Schall
übernachten?"
4
Man könnte sie
wie ein Regisseur bitten,
das Gesagte anders zu sagen.
Könnte sie
anschreien, anbetteln, anflehen,
den Satz nur ganz unwesentlich
zu verändern.
5
Man könnte neue Sätze bilden
aus der ganzen Schallbeute.
Filter darauf setzen,
sie schneller, langsamer
abspielen.
Sie spielerisch fragen:
"Bist das noch du?"
"Nein, du bist nicht
unsere gute Mutter!
Du bist der Wolf!"
oder:
"Du klingst ja so hell,
du blendest meine Ohren."
oder:
"Du bist ja so laut,
du gehst mir auf die Nerven".
6
Man könnte die Wörter sortieren
und anders zusammensetzen.
Vielfältige Collagen aus ihnen gestalten,
die heitere, freche,unkorrekte
Dinge von sich geben.
Sie bei sehr viel Schallmaterial
Sätze sagen lassen wie:
"Nie wieder Krieg!"
oder: "Keine Macht für Niemand"
Da sind allerdings sehr seltene
Automatenwörter dabei.
Das wird schwer.
Jedenfalls könnte man
einen Heidenspaß
mit diesen Stimmen haben.
Automatenstimmen
1
Automatenstimmen aufzeichnen
von Bahnhöfen und Tiefgaragen.
Diese Stimmen zu einem
Stimmengewirr vermengen,
wo nur noch einzelne Worte
heraushörbar sind.
Sich ruhig und gelassen
in die Mitte eines Raumen setzen,
in dem aus 4 Lautsprechern
in jeder Ecke des Raumes
dieses Stimmengewirr zu hören ist.
Zu sich immer wieder sagen:
"Ich will diesen Stimmen
mit voller Konzentration lauschen.
Kein Schweigen kann mich
davon ablenken."
Nach ca. 30 Minuten achtsam
die Lautsprecher einzeln abschalten
und den Raum verlassen.
2
Automatenstimmen aufzeichnen
von Bahnhöfen und Tiefgaragen.
Diese Stimmen zu einem
Stimmengewirr vermengen,
wo nur noch einzelne Worte
heraus hörbar sind.
Sich ruhig und gelassen
in die Mitte eines Raumen setzen,
in dem aus 4 Lautsprechern
in jeder Ecke des Raumes
dieses Stimmengewirr zu hören ist.
Den Stimmen laut zurufen:
"Ihr seid Maschinen,
ihr habt mir nichts zu sagen!"
Diesen Satz 50 mal laut aussprechen.
Danach die Lautsprecher einzeln
abschalten und den Raum verlassen.
meditation no. 2 (12x 11,3 cm)
von Emmett Williams
Den Text "meditation no. 2" im Maßstab
1 zu 10.000 (das entspricht einer Fläche,
größer als einem Quadrat Kilometer)
in einer flachen Landschaft abbilden.
Die auf den Boden gelegten Lettern sind den
Schreibmaschinen Lettern des Originals exakt
nachzubilden.
Ein entsprechend großes weißes Tuch
bildet das weiße Schreibmaschinen Papier
des Originaltextes ab.
Übung 1
260 TeilnehmerInnen betreten auf ein Zeichen hin
von allen vier Seiten das Textgelände. Sie haben
zuvor ihre Schuhe ausgezogen, um das weiße Tuch
nicht zu beschmutzen.
Die TeilnehmerInnen tragen jeweils einen
Buchstaben auf dem Kopf. Es sind die Buchstaben
von zehn vollständigen Alphabeten. Die Kopf-
Buchstaben sind den Original Buchstaben
exakt nachzubilden. Sie können um bis zu ca. 30 cm
den Kopfumfang überschreiten.
Die TeilnehmerInnen schweifen nach Lust und Laune
über das Textgelände. Sie betreten zunächst keine
im Gelände ausgelegten Buchstaben.
Wenn sie auf einen anderen Buchstabenträger treffen,
verbeugen sie sich asiatisch mit beiden Händen,
teilen dem Gegenüber ihren Buchstaben mit,
tauschen die Buchstaben aus und setzen ihren
neuen Buchstaben wieder auf ihren Kopf.
In den Begegnungen beschränken sich die
TeilnehmerInnen darauf, nur ihren Buchstaben zu
benennen.
Alle Teilnehmerinnen nehmen genau zehn
Buchstabenwechsel vor.
Dann suchen sie sich einen Buchstaben
auf dem Gelände, dessen Buchstaben sie zuletzt
auf dem Kopf tragen und stellen sich darauf.
Wenn alle TeilnehmerInnen auf einem Buchstaben
stehen, nehmen sie gleichzeitig ihre Buchstaben
vom Kopf und legen sich mit dem Rücken
auf die Erde.
Sie haben nun eine Stunde Zeit, in dieser Haltung
zu verbleiben. Es steht den TeilnehmerInnen frei,
die Augen zu schliessen oder den Himmel zu
betrachten.
Ein Zeichen gibt das Ende der Übung bekannt.
Übung 2
100 TeilnehmerInnen begehen mit speziell
konstruierten "Pinselschuhen" das Textgelände.
An jedem a und z Buchstaben sind Farbwannen
mit schwarzer Farbe aufgestellt, in denen die
Pinselschuhe mit Farbe eingetunkt werden
können.
Die Teilnehmerinnen bewegen sich
über mehrere Stunden nach Lust
und Laune über das Textgelände.
Sie versuchen, absichtlos das weiße Tuch
und die Buchstaben mit ihren Pinselschuhen
zu begehen, ohne irgendwelche Ziele
zu verfolgen: z.B. Buchstaben vollständig
mit Farbe zu bedecken oder zu versuchen,
gegenständlich mit ihren Schuhen etwas
zu malen.
Falls ihnen dies schwer fällt, können
sie auch zeitweise die Augen schliessen
oder Augenbinden benutzen.
Die TeilnehmerInnen können auch
nach Wunsch miteinander sich im Textgelände
bewegen. Sie sind frei, miteinander
während der Übung zu kommunizieren.
Sie achten darauf, dass andere Teil-
nehmerInnen nicht mit Farbe beschmutzt
werden.
Auf ein Zeichen hin wird die Übung beendet.
Übung 3
Eine nicht festgelegte Zahl von TeilnehmerInnen
campen an drei warmen Sommertagen
auf dem Textgelände.
Sie haben zuvor ihre Schuhe ausgezogen,
um das weiße Tuch nicht zu beschmutzen.
Die auf dem Tuch ausgelegten Vokale sind
allesamt essbar. Sie sind kaum zu unterscheiden
von den anderen, nicht essbaren Konsonanten.
Alle Lettern bilden insgesamt die Schreibmaschinen
Lettern des Originals exakt nach.
Auf dem Textgelände finden sich an verschiedenen
Orten Getränke.
Die TeilnehmerInnen ernähren sich in der Zeit
des 3 tägigen Campens ausschließlich von den
Vokal Buchstaben und den bereitgestellten Getränken.
Wer möchte kann einen Schlafsack mitbringen.
An den Grenzen des Textgeländes gibt es
Waschgelegenheiten.
Eine Drohne am Himmel macht in den Übungen
1 und 2 alle 10 Sekunden ein Foto. Zu Beginn
der Liegeübung am Ende der Übung 1 wird
sie vom Himmel abgezogen.
In der Übung 3 wird die Drohne nur sporadisch
eingesetzt.
"And I sailed with a geologist in a coffin."
Zitat aus:
Dick Higgins: "A book about love and war and death"
1
Wer ist denn nun in einem Sarg?
Der Geologe?
Während ich auf einem Segelschiff bin?
Oder wir beide im Sarg?
Oder der Sarg ist das Segelschiff?
Und ich liege darin mit dem Geologen?
2
Plötzlich wird es dunkel,
ich kann den Geologen nicht sehen.
Was ist los mit dem Sarg?
Er scheint sich nicht zu bewegen,
er schaukelt auch nicht wie ein Segelschiff.
Der Geologe erzählt etwas
von den geologischen Besonderheiten
des Plateau de Fadnoun in der algerischen
Sahara, das im Abendlicht
eine bedrohlich dunkle Farbe annehme.
Der Sarg ist eng.
Wir müssen uns beide klein machen,
um uns nicht zu berühren.
Wenn wir uns berühren,
sagen wir am Anfang noch:
"Entschuldigung".
Der Geologe weiß genauso wenig wie ich,
wie er in den Sarg gekommen ist.
Er macht keinen unsympatischen
Eindruck auf mich,
wirkt allerdings etwas verkopft.
3
Seltsamerweise haben wir
weder Hunger noch Durst,
müssen auch nicht pissen und scheissen.
Und das ist angesichst unserer Lage,
in der wir uns befinden, sehr gut.
Der Geologe philosophiert darüber,
dass es vermutlich nur ein Traum ist.
Er fängt an, Traum typische
Ungereimtheiten zu erforschen
und beobachtet dabei auch mich.
Wir erzählen uns Geschichten
aus unserem Leben,
aber die Erinnerungen sind fragil,
wie eine schlechte Telefonleitung
nach Tamanrasset.
4
Die Zeit wird größer und mächtiger,
vergeblich plaudern, schweigen
und schlafen wir dagegen an.
5
Ja, so ist es uns ergangen.
Wir hatten zu dem Zeitpunkt keine Ahnung,
wieviele Jahre wir in diesem elenden coffin
noch ausharren mußten.
Und warum?
Weil uns ein Zitat eingesperrt hatte,
das aus einem einzigen Satz bestand:
"And I sailed with a geologist in a coffin."
Ich tue mal so
1
Ich tue mal so,
ich wäre ein Drucker.
Ich versuchte, genauso so schnell
Amtsbriefe und Farbfotos zu drucken.
Ich hätte ganz viele Pinsel
an Händen, an Füssen, im Mund.
Auch ich säße in einem Kasten
und würde irgendein Geräusch machen,
wenn Papier auf mich zurollt.
Meine Farbdosen, in die ich die Pinsel
so schnell wie möglich eintauchte,
würden genauso piepsen,
wenn sie leer werden.
2
Oder ich tue mal so,
ich wäre eine Straßenlaterne.
Ich bände mir Licht ins Gesicht,
ich stellte mich auf eine Leiter.
Ich machte mich schlank
und gerade, nur am Kopf gebeugt.
Ich würde ehrlich alles
in meiner Macht stehende tun,
meinen Mitmenschen in der Nacht
etwas Sicherheit zu schenken.
3
Oder ich tue mal so,
ich wäre ein Polizei Megaphon.
Ich hätte Stimmunterricht genommen,
um genauso laut und krächzend
meine Botschaften zu verkünden.
Ich hätte mir ein Megaphon
zu Übungszwecken im Internet bestellt,
um Demonstranten in Archivfilmen
bei verbotenen Protesten mit Wasserwerfer-
und Schlagstockeinsatz zu drohen.
4
Ich tue mal so,
ich wäre eine Gesichtserkennungssoftware.
Ich wäre auch gerne so schnell,
im Vergleichen von Gesichtern.
Schöne Lippen und schöne Wimpern
würden mich niemals ablenken
von meinen Zielen.
Wenn ich einen Gesetzesbrecher
gefunden hätte,
würde ich das selbstverständlich
meinem Administrator melden
oder nicht melden.
5
Ich tue mal so,
ich wäre ein pflanzenfressender
Stadtdinosaurier.
Ich würde mir morgens immer
eine große Menge an Pflanzen
in nahegelegenen Gärten
und Grünanlagen besorgen,
in meine Wohnung tragen
und hinter mir abschließen.
Den ganzen Tag
würde ich nur fressen.
Nachts träume ich manchmal
von Fressfeinden.
Dann wache ich schweißgebadet auf
und überprüfe, ob die Türen und Fenster
auch wirklich fest verschlossen sind.
6
Ich tue mal so,
ich wäre ein digitales Ziffernblatt
einer Nachttischuhr.
Ich würde alles geben,
dass meine Ziffern immer gleich aussehen.
Ich würde mich perfekt strecken und beugen
und das in großer Schnelligkeit,
wo es verlangt wird.
Ich würde die Anweisungen,
welche Zahl ich annehmen soll,
immer nur ganz kurzfristig erhalten.
Ich wüsste nichts über
die größeren Zusammenhänge
menschlicher Zeitmessung und Zeitempfinden.
Nachts wäre ich,
wenn mein Besitzer schläft,ein wenig nachlässig.
Auch ich würde mich dann mal
für ein paar Minuten hinlegen.
Wie ich dann aussehe,weiß ich selber nicht
und beobachtet worden bin ich so noch nicht.
Schlimm sind Batteriewechsel für mich.
Das ist immer wie ein kleiner Tod.
Das ist wie Aufwachen
nach einer Darmspiegelung.
Woher ich das weiß,verrate ich nicht.