Kika II
Du willst versuchen,
mich hässlich zu machen?
Das ist vollkommen unmöglich!
Da musst du mir schon
das Gesicht vollständig eintreten
oder hundert Jahre später kommen.
Die Anderen
klauen und werden erwischt.
Die Anderen
bekommen Hautkrebs.
Die Anderen
werden von einem LKW überfahren.
Die Anderen
werden aus ihren Wohnungen
geräumt.
Die Anderen
brechen auf der Strasse zusammen.
Die Anderen
sterben bei Bergwerkskatastrophen.
Die Anderen
müssen ohne Mägen weiterleben.
Die Anderen
werden fristlos entlassen.
Die Anderen
ertrinken in schlechten Booten.
Die Anderen
werden in der Kindheit mißbraucht.
Die Anderen
bekommen neue Hüften
Die Anderen
spritzen sich eine Überdosis.
Die Anderen
werfen sich vor einen Zug.
Die anderen
werden von einer Lawine verschüttet.
Die Anderen
werden aus der Luft bombardiert.
Die Anderen
warten auf eine Spenderniere.
Die Anderen
werden in Massengräbern verscharrt.
Die Anderen.
"...die Taten der Toten"
Zitat aus dem Gedicht
von Jorges L. Borges
"Lob des Schattens":
Was tun sie die Toten,
den lieben langen Tag
und in der Nacht?
In ihren Gräbern, ihren Urnen,
ihren Wassern.
Sind die Sargtoten fleißiger
als die Asche Toten
oder die Wasserleichen?
Wer von ihnen ist
aggressiver in seinen Zielen?
Müssen sich die Toten
neu bilden im Totenreich?
(Geographie? Geschichte?
Medizin? (Meta-Physik?
Astronomie?)
Bauen sie noch Häuser
und pfeifen Lieder
auf den Baugerüsten?
Dürfen sie etwas besitzen
und Besitz vermehren?
(gibt es Totenmakler und -notare?)
Wie vertreiben sie sich die Zeit?
Spielen sie Karten
oder andere Spiele?
Besaufen sie sich manchmal?
(und reden dann verwaschen
wie wir?)
Und wie lieben sich die Toten?
Dürfen sich die Guten
auch in die Bösen verlieben?
(Gibt es dafür Begegnungsorte,
Grenzübergänge?)
Können und wollen die Toten
noch Kinder zeugen, Totenkinder?
(Wie sähe wohl ihr Liebesspiel,
ihr Liebesakt aus?)
Portrait
Ich atme wie ein Amateur
ich liebe schon lange nicht mehr
ich wache mehrmals auf in der Nacht
ich ernähre mich von fettigen Monitoren
ich habe manchmal
ein schlechtes Rauschen im Ohr
dann schüttele ich mich
wie ein nasser Hund
ich habe ein paar Geheimnisse
die ich meiner Vergesslichkeit
anvertraue
viele kleine Wunden habe ich
musste hart trainieren
sie alle zu lecken
das leben
nebenbei
in den
blick nehmen
das beste
am leben
der
unscharfe rand
umwickelt
mit buntem band
für fest-
und trauertage
Krieg
der Herzengel
aus Gottesstaub.
Sie verfluchen sich,
sie beschießen sich,
sie verwunden sich,
sie töten sich.
So viele sind gefallen
in diesem Krieg.
Sie benehmen sich nicht,
wie Herzengel
aus Gottesstaub
sich benehmen sollten.
Ode an den Zug,
der an mir vorbeifährt,
die Schranke geschlossen,
die Ampel rot.
Danke Zug,
dass du nicht schon längst
ausgefallen bist,
deine Gleise zerstört von Bomben.
Danke,
dass deine Waggons
nicht zerschossen sind,
dass du nicht irgendwo
durchlöchert, verrostet,
verbogen rumstehst.
Danke,
dass jetzt Menschen
in dir sitzen können,
die einfach nur nach Hause
oder woandershin wollen.
Danke,
dass es keinen Mut,
keinen Leichtsinn braucht,
um in dir zu sitzen.
Danke,
dass du nicht angehalten wirst
von irgendwelchen Rebellen,
Soldateskas, Polizisten,
Menschen in Kampfuniformen
aller Couleur.
Die plötzlich auftauchen,
reinspringen, rumschreien, drohen,
Fahrgäste aussondern, mitnehmen
oder gleich exekutieren.
Danke,
dass du selbst in der Nacht fährst,
wo man in vielen Gegenden der Welt
das Haus nicht verlässt.
Danke,
dass du fahrplanmäßig fährst,
die Türen an den Bahnhöfen
zum Ein- und Aussteigen öffnest.
Und man höchstens
in eine Fahrscheinkontrolle gerät
oder die Station verschläft,
wo man aussteigen wollte.
Traumvorbereitung
1
Die Licht- und Schattenmaschinen
neu justieren.
Bei einigen Kulissen kleine Schreiner-
und Klebearbeiten vornehmen.
Die Glieder von Figuren nachölen.
Effekte wie verschüttete Suppen
und Tickets aus Fahrscheinautomaten
neu auffüllen.
Die Algorithmen der Wolken updaten.
Die Zutaten für Einsamkeiten
und Ängste abwiegen und verrühren.
Die abgenutzte
Raumperspektive mit wetterfestem
Lack neu streichen.
2
Aber weil der Traum
letztlich doch macht, was er will,
sind alle Vorbereitungen umsonst gewesen.
Wie ein Sturm
fegt er alle Kulissen weg,
die mühsam aufgebaut wurden.
Lässt uns mit Skiern
durch Mäuselöcher und Milchstraßen fahren.
Lässt uns verloren gehen
an Autobahnkreuzen und KZ
Gedenkstätten.
Schenkt uns Feen und Aphroditen
zum Kartenspielen in der Nacht.
Im Kellerschrank
die Hemden aus alten Tagen.
Als sie noch
mit dem tapferen Schneiderlein
Einhörner einfingen,
Vögel in die Luft warfen.
Die früheren Abenteuer
lassen sie nicht ruhig schlafen.
Und da ist der Jahrzehnte
alte Achselschweiß,
der nicht verdunsten will.
Und die Angst
vor Altkleidersammlungen.
Gedanken zu Theophrasts
"Charaktere"
1
Wird es z.B. den Verlogenen
oder den Schmeichler -
beschrieben bei Theophrast
vor 2000 Jahren -
in weiteren tausend Jahren
noch geben?
2
Den Verlogenen,
der behauptet,
er werde seinen Besitz
den Armen spenden.
(Es gäbe also noch Armut
in tausend Jahren).
Den Schmeichler,
der einer höheren Person
ein Kompliment macht.
(Und sicher auch noch
Macht und Ohnmacht)
3
Wenn wir das wüssten:
Wie würden wir Menschen
wirklich in tausend Jahren leben?
Unter der Erde wie Trolle,
die etwas Schreckliches
überlebt haben?
Und uns nun ärgern müssen
über einen Gerüchtemacher
und zwei Unverschämte?
Hingen vielleicht
Tag und Nacht an Dialysegeräten?
In Nachbarschaft mit einem Schwafler
und einem Ungehobelten?
Oder wären nur noch Gehirne,
keimfrei verpackt in Wattelandschaften?
Zusammen mit geizigen
und gefallsüchtigen Geistbeuteln?
Gehörten vielleicht Kriegerkulturen an,
die sich mit unbekannten Waffen
bekriegen oder sich zur Unterhaltung
verletzen, töten?
Was wären dann die letzten Worte
des Grantigen, des Abergläubigen?
4
In Betracht kämen sicher auch
Sklavenhalter Gesellschaften.
Zuzutrauen wäre es
uns Menschen in jedem Fall!
Dann bräuchte man Äußerungen
bei Theophrast über die Behandlung
von Sklaven z.B. durch den Knauser
nur leicht abzuwandeln:
"Wenn also ein Sklave einen alten Topf
oder eine Schüssel zerbrochen hat,
zieht er ihm den Betrag von der Kost ab".
Schlechte Koans
An was ich dachte,
als ein blauer Fußball
vom grauen Bälle Baum
auf meinen Kopf fiel.
- - - - -
Wie ich mich wunderte,
als ein Kieselstein,
gegen den ich trat,
mich wüst beschimpfte.
- - - - -
Den Stein,
den ich aufhob.
Unter ihm geht jetzt
auch die Sonne auf.
- - - - - -
Ein schmerzhaftes
Stolpern in einem Traum.
Beim Erwachen schon verheilt.
- - - - -
Meine Hand,
eben noch in der Hosentasche.
Gerade kommt sie
von Süden angeflogen.