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1

 

 

Es sind warme Sommertage und Nächte.

 

Auf einem großen fiktiven Platz steht in der Mitte ein Flaggenmast.

 

Der Mast ist hundert mal so hoch wie normale Flaggen Maste.

 

Im Wechsel treten alle Staaten der Welt vor, jeweils mit 3 Soldaten und Soldatinnen.

 

Alle 3 Soldaten haben sehr konkrete Handlungsanweisungen,

was sie während der Zeremonie mit ihren Händen, Füßen, Köpfen und Augen tun sollen.

 

Die Soldaten hissen im Wechsel die Landesflagge zum Sound

der jeweiligen Nationalhymne.

 

Die Hymne wird von einem Schallplattenspieler ab-gespielt. Nach jedem Ende der Hymne marschiert einer der Soldaten zum Abspielgerät, legt den Plattenarm wieder auf die Schallplatte.

 

Wegen der Höhe des Mastes dauert der Vorgang des Hissens jeweils 20 bis 25 Minuten. Hin und zurück

ca. 40 bis 50 Minuten. Die Hymne wird deshalb je nach Länge mindestens 15 mal abgespielt.

 

Bei einer streng festgelegten Höhe der Flagge am Flaggenmast

greifen die Soldaten nach ihren Ferngläsern. Sie starren fortan durch diese auf die Flagge, bis die erreichte Höhe beim Herunterhissen wieder passiert wird.

 

 

2

 

Alle anderen Länder halten sich derweil in kleinen, offenen Kabinen auf, wie man sie von Fußballplätzen her kennt.

 

Um den großen Platz herum sind große Zuschauertribünen auf-gestellt. Sie sind überwiegend unbesetzt.

 

Wenn eine Flagge den Mastgipfel erreicht, füllen sie sich für 10 Sekunden mit klatschenden, pfeifenden, buhenden, skandie-renden Menschen.

 

Im Hintergrund sind in der Ferne hohe schneebedeckte Berge zu sehen.

 

 

3

 

Nach dem Herunterziehen der Flagge ziehen die drei Soldaten ihre militärische Kleidung komplett aus. Sie sind nun nackt.

 

Sie bewegen sich jetzt nicht mehr gezwungen.

​

Einige machen erstmal ein paar Lockerungsübungen nach den vorangegangenen patriotischen Anstrengungen.

 

 

4

 

Die 3 Menschen falten nun das Stoff Portrait einer Person auf und heften es an beide Seiten der Flagge.

Das Portrait sollte auf beiden Seiten einen Großteil der Flagge bedecken.

 

Bei dem Portrait handelt es sich jeweils um einen Mann oder eine Frau des Landes ,

der oder die in Verbindung mit verbrecherischem, unmenschlichem, mörderischem, kriegstreibendem, dikatatorischem, folterndem staatlichen Handeln kürzlich oder in der Vergangenheit getötet wurde.

 

 

5

 

Daraufhin wird ein ca. 4 Meter hoher aufklappbarer Fahnenmast neben dem großen staatlichen Fahnenmast aufgestellt.

 

In der Zeit des Hissens der Flagge werden Lieblingsstücke

des Getöteten mit dem gleichen Schallplattengerät gespielt.

 

Die Zeit des Hissens und des Spielens der Musikstücke

sollte auf die Sekunde exakt so lange dauern wie der

staatliche Akt gedauert hat.

 

Nach der Zeremonie werden die beiden Stoff Portraits

wieder von der Flagge entfernt und zusammengefaltet.

 

 

6

 

Die Staatsflagge wird daraufhin verbrannt.

 

Die drei Menschen erzählen nun jeweils die Geschichte

des Getöteten, während sie sich gegenseitig mit der Flaggen Asche bemalen.

 

7

 

Diese Choreographie wird von allen 193 UN Mitgliedsstaaten

die in ihren kleinen Fußball-platz Kabinen auf ihren

Einsatz warten, durchlaufen.

 

Die Zeremonie dauert ca. 14 Tage.

 

Durch einen fiktiven Zauber müssen alle Beteiligten in der ganzen Zeit weder schlafen, essen, trinken,

noch Toiletten benutzen.

 

Sie haben keine Handys bei sich, wozu es allerdings keinen Zauber braucht.

 

 

8

 

Nach Ablauf der Flaggen Zeremonien warten alle Beteiligten in ihren Kabinen auf ein angekündigtes

großes Spektakel. Dieses wird von einem Stadionsprecher reißerisch angekündigt, ohne dass dieser Details verrät.

 

Auf einmal erheben sich aus der Erde 193 hohe und jeweils kleinere Fahnenmaste,verteilt auf dem gesamten Platzgelände. Die Kabinen lösen sich zusammen mit den Bergen im Hintergrund auf.

 

Alle begeben sich mit ihren Zweitfahnen zu ihrem zugewiesenen Fahnenmast. Dort angekommen finden sie jeweils einen Schallplatten-spieler vor.

 

Auf ein Kommando hin werden gleichzeitig und synchron alle staatlichen (Zweit)Fahnen gehisst und die Nationalhymnen dabei gespielt.

 

Synchron werden danach die Uniformen ausgezogen, die Flaggen verbrannt, die Körper mit Asche bemalt.

 

 

9

 

Am Ende werden die Flaggen Zeremonien der Getöteten

an den kleineren Masten gleichzeitig durchgeführt.

 

Was für eine wunderbare Soundcollage!

 

 

10

 

 

Alle klatschen und jubeln am Ende der zweiwöchigen Veran-staltung.

 

Der Zauber lässt allmählich nach. Müdigkeit, Hunger und Durst kehren zurück.

 

Ein See entsteht am Rande des Platzes, in den die ganze Staatengemeinde hineinspringt,

um sich von der Fahnenasche zu reinigen und neue Bekannt-schaften zu knüpfen.

    © 2025 Fred Darimont 

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